«Die direkte Demo­kra­tie ist kein Hinder­nis, sondern eine Stärke»

Elisa­beth Ehren­sper­ger, TA-SWISS-Geschäftsführerin 

Hinter dem sper­ri­gen Begriff «Tech­no­lo­gie­fol­gen-Abschät­zung» steckt ein Forschungs­ge­biet, das sich mit den Trends von neuen Tech­no­lo­gien und ihren Auswir­kun­gen auf die Gesell­schaft befasst. Ab den 1970er-Jahren brei­tete sich die Idee von den USA nach Europa aus. Auch in der Schweiz erkannte das Parla­ment, dass es ein stän­di­ges Moni­to­ring braucht, um mit der tech­no­lo­gi­schen Entwick­lung Schritt zu halten. 1992 beauf­tragte es den Schwei­ze­ri­schen Wissen­schafts­rat, ein natio­na­les System für Tech­no­lo­gie­fol­gen-Abschät­zung (TA) aufzu­bauen. Seit 2016 ist «TA-SWISS» als gemein­nüt­zige Stif­tung orga­ni­siert und als Kompe­tenz­zen­trum Teil der Akade­mien der Wissen­schaf­ten Schweiz. Im Auftrag des Parla­ments beob­ach­tet und analy­siert sie die Chan­cen und Risi­ken neuer Tech­no­lo­gien – und das immer inter­dis­zi­pli­när: «Wir unter­su­chen die tech­ni­schen Gege­ben­hei­ten immer unter Einbe­zug der sozia­len, poli­ti­schen, ökono­mi­schen, ökolo­gi­schen, ethi­schen und recht­li­chen Aspekte», erklärt TA-SWISS-Geschäfts­füh­re­rin Elisa­beth Ehren­sper­ger. «So stel­len wir sicher, dass keine Fragen oder Perspek­ti­ven unter den Tisch fallen.» Dafür wendet TA-SWISS auch verschie­dene Mitwir­kungs­ver­fah­ren wie Stake­hol­der-Work­shops, runde Tische oder Fokus­grup­pen-Gesprä­che mit Bürger:innen an.

Unab­hän­gig tätig

Obwohl die gemein­nüt­zige Stif­tung im Auftrag des Parla­ments handelt und voll­um­fäng­lich durch öffent­li­che Gelder finan­ziert ist, sei sie unab­hän­gig, betont Ehren­sper­ger: «Wir haben freie Hand, sowohl was das Agen­da­set­ting als auch die Durch­füh­rung unse­rer Studien angeht.» Nicht das Parla­ment oder die Forschung, sondern der Leitungs­aus­schuss von TA-SWISS bestimmt, welche Themen und Projekte weiter­ver­folgt werden. Um ihre Unab­hän­gig­keit zu gewähr­leis­ten, geht die Stif­tung syste­ma­tisch vor: Jede Studie wird öffent­lich ausge­schrie­ben und mithilfe von wech­seln­den Fach­per­so­nen und Part­ner­or­ga­ni­sa­tio­nen durch­ge­führt. Ausser­dem hält sich TA-SWISS bei konkre­ten Empfeh­lun­gen an die Poli­tik zurück. «Wir zeigen Hand­lungs­op­tio­nen auf und betrei­ben keinen poli­ti­schen Akti­vis­mus», erklärt Ehren­sper­ger. «Unsere Aufgabe ist es, Chan­cen und Risi­ken von neuen Tech­no­lo­gien für sämt­li­che Inter­es­sens­grup­pen aufzu­zei­gen, damit sich diese eine eigene Meinung bilden können.» Eine zentrale Aufgabe von TA-SWISS ist deshalb die Öffent­lich­keits­ar­beit: Sämt­li­che Studi­en­ergeb­nisse werden der Bevöl­ke­rung an einer Medi­en­kon­fe­renz vorge­stellt sowie als Kurz­fas­sung und in verständ­li­cher Spra­che zugäng­lich gemacht: «Man muss kein Experte sein, um unsere Studien zu verste­hen», versi­chert die Geschäftsführerin.

Nutzen versus Souveränität

TA-SWISS befasst sich mit den drei Themen­be­rei­chen Biotech­no­lo­gie und Medi­zin, Digi­ta­li­sie­rung und Gesell­schaft sowie Ener­gie und Umwelt. Dabei ist Digi­ta­li­sie­rung der Bereich, in dem zurzeit am meis­ten geforscht wird und der alle ande­ren Berei­che durch­dringt. So hat die Stif­tung vor Kurzem eine Studie zu digi­ta­len Währun­gen publi­ziert – ein Thema, das für die Schwei­zer Wirt­schaft von gros­ser Bedeu­tung ist, gemäss Ehren­sper­ger aber in der Bevöl­ke­rung bisher noch auf gerin­ges Inter­esse stosse – obwohl es mit der noch hängi­gen Bargel­dinitia­tive oder den Plänen der EU für einen digi­ta­len Euro durch­aus aktu­elle Aufhän­ger gebe. Die Studie beleuch­tet unter ande­rem ein Span­nungs­feld, das sich immer auftut, wenn es um Digi­ta­li­sie­rung geht: das Abwä­gen zwischen dem Nutzen, den die Tech­no­lo­gie für Gesell­schaft und Staat mit sich bringt, und den damit verbun­de­nen Risi­ken für die Souve­rä­ni­tät des Staats bezie­hungs­weise die Inte­gri­tät des Einzel­nen. Denn einer­seits ist es durch­aus effi­zi­ent, wenn durch Digi­tale Fran­ken spezi­fi­sche Zahlun­gen program­miert und auto­ma­tisch getä­tigt werden können. Ande­rer­seits besteht bei solchen neuen Formen von digi­ta­lem Geld auch die Gefahr von Über­wa­chung und Daten­miss­brauch – zum Beispiel wenn program­mier­tes Geld mit einer Iden­ti­täts­prü­fung verbun­den wird. Die Studie kommt daher zum Schluss, dass neue digi­tale Währun­gen in der Schweiz Bargeld ergän­zen, aber nicht erset­zen dürfen. Ganz grund­sätz­lich müsse für Dienst­leis­tun­gen, bei denen der Staat ein Mono­pol hat, immer eine Offline-Lösung ange­bo­ten werden, findet Ehren­sper­ger: «Es muss weiter­hin möglich sein, ohne Smart­phone ein Zugti­cket zu lösen oder seine Steu­er­erklä­rung auszu­fül­len, ohne dass einem daraus ein Nach­teil entsteht.» Diese Option stehe aber bereits ziem­lich unter Druck.

Hand­lungs­spiel­raum nutzen

Was die digi­tale Souve­rä­ni­tät des Staats angeht, sei eine völlige Unab­hän­gig­keit
u. a. ange­sichts der Domi­nanz gros­ser Tech-Unter­neh­men und der globa­len Zusam­men­hänge illu­so­risch, so die TA-SWISS-Geschäfts­füh­re­rin. Aber es wäre schon viel gewon­nen, wenn man bei der staat­li­chen Infra­struk­tur eine gewisse Diver­si­fi­zie­rung anstre­ben und nicht alles auf eine Karte setzen würde – so wie das etwa bei Geld­an­la­gen selbst­ver­ständ­lich sei. «Wir dürfen vor der rasan­ten Entwick­lung der neuen Tech­no­lo­gien, die zurzeit wie eine grosse Welle über uns hinweg­zu­rol­len scheint, nicht kapi­tu­lie­ren. Statt­des­sen soll­ten wir uns darauf besin­nen, welchen Hand­lungs­spiel­raum wir im Rahmen unse­res Rechts­staats haben.» Dafür müsse man aber als Gesell­schaft aushan­deln, wie man die neuen Tech­no­lo­gien nutzen möchte – und zwar in einem demo­kra­ti­schen Entschei­dungs­pro­zess. Ange­sichts der aktu­el­len Krisen setze man grosse Hoff­nung in rasche tech­no­lo­gi­sche Lösun­gen, so Ehren­sper­ger: «Für demo­kra­ti­sche Prozesse bleibt dann vermeint­lich keine Zeit.» Dabei werden gemein­sam gefällte Entscheide von der Bevöl­ke­rung lang­fris­tig akzep­tiert: «Die direkte Demo­kra­tie ist kein Hinder­nis, sondern eine Stärke.» Und neben allen Risi­ken wie Fake-News oder Pola­ri­sie­rung, welche die Digi­ta­li­sie­rung für die Demo­kra­tie mit sich bringt, eröff­nen sich durch sie auch neue Möglich­kei­ten für die allge­meine Meinungs­bil­dung: Denn mit KI oder Social Media erreicht man auch Menschen, die mit der Poli­tik eigent­lich schon abge­schlos­sen haben.

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