Esther Unternährer, Leiterin Mitmach-Initiative; Bild: Valeriano Di Domenico

Das Wohl­be­fin­den der Frei­wil­li­gen im Fokus

Freiwilliges Engagement hat viele positive Effekte – und auch belastende Wirkungen. Über diese Faktoren, die kaum diskutiert werden, wollte das Migros-Kulturprozent mehr erfahren. Esther Unternährer, Leiterin Mitmach-Initiative, spricht im Interview über das Wohlbefinden der Freiwilligen und Zeitdruck, sie erklärt den Ideenwettbewerb und wer sich für ein Dankesessen bewerben kann.

Sie haben unter­su­chen lassen, wie es um das Wohl­be­fin­den der Frei­wil­li­gen in der Schweiz steht: Was ist die wich­tigste Erkenntnis?

Häufig wird betont, dass frei­wil­li­ges Enga­ge­ment posi­tive Effekte für die Frei­wil­li­gen selbst hat. Dies können beispiels­weise die Sinn­haf­tig­keit der Aufgabe, die Möglich­keit, etwas zu bewir­ken, oder die soziale Einbin­dung in eine Gemein­schaft sein. Es wird jedoch kaum darüber gespro­chen, dass es auch Fakto­ren geben kann, die sich nega­tiv auf das Wohl­be­fin­den der Frei­wil­li­gen auswir­ken. Darüber wollte das Migros-Kultur­pro­zent mehr erfah­ren und hat bei Inter­face Poli­tik­stu­dien eine Online-Umfrage in Auftrag gege­ben, die rund 1000 Frei­wil­lige und Koordinator:innen von Frei­wil­li­gen in allen Landes­tei­len der Schweiz befragt. Die Ergeb­nisse zeigen, dass Frei­wil­lige ihr Enga­ge­ment über­wie­gend posi­tiv erle­ben. Fakto­ren wie Wert­schät­zung, Sinn­haf­tig­keit und soziale Einbin­dung fördern ihr Wohl­be­fin­den. Gleich­zei­tig geht aus der Situa­ti­ons­ana­lyse hervor, dass hohe zeit­li­che Belas­tung der grösste Stress­fak­tor ist, gefolgt von hoher Verant­wor­tung, Leis­tungs­druck und fehlen­der Unter­stüt­zung. Es gibt also sowohl posi­tive Aspekte als auch Heraus­for­de­run­gen, die ange­gan­gen werden müssen.

Konkrete Mass­nah­men zur Entlas­tung, wie etwa die Reduk­tion von zeit­li­chem Druck oder Unter­stüt­zung bei anspruchs­vol­len Aufga­ben, sind weni­ger verbreitet.

Esther Unter­näh­rer, Leite­rin Mitmach-Initiative

Wie gehen die Orga­ni­sa­tio­nen, mit dem Wohl­be­fin­den der Frei­wil­li­gen um?

Die Befra­gung verdeut­licht, dass Orga­ni­sa­tio­nen ihren Frei­wil­li­gen häufig Aner­ken­nung und Wert­schät­zung entge­gen­brin­gen, was wesent­lich zum Wohl­be­fin­den beiträgt. Aller­dings sind konkrete Mass­nah­men zur Entlas­tung, wie etwa die Reduk­tion von zeit­li­chem Druck oder Unter­stüt­zung bei anspruchs­vol­len Aufga­ben, weni­ger verbrei­tet. Hier besteht noch Verbes­se­rungs­po­ten­zial, um das Wohl­be­fin­den lang­fris­tig zu fördern.

Frei­wil­li­ges Enga­ge­ment geht mit höhe­rer Lebens­zu­frie­den­heit und besse­rer physi­scher und menta­ler Gesund­heit einher. Welche Fakto­ren sind verant­wort­lich für diesen Effekt?

Die posi­ti­ven Effekte entste­hen vor allem durch die Sinn­haf­tig­keit der Tätig­keit, die Möglich­keit, aktiv zur Gemein­schaft beizu­tra­gen, und die sozia­len Kontakte, die dabei geknüpft werden. Frei­wil­lige erle­ben das Gefühl, gebraucht zu werden, und können ihre Fähig­kei­ten einbrin­gen, was sich posi­tiv auf das Selbst­wert­ge­fühl auswirkt. Zudem stär­ken die soziale Einbin­dung und der Austausch mit ande­ren die mentale Gesundheit.

Je nach Aufgabe ist frei­wil­li­ges Enga­ge­ment mit einer Verpflich­tung und gros­sem zeit­li­chem Aufwand verbun­den. Kann frei­wil­li­ges Enga­ge­ment auch zu einer Belas­tung werden?

Ja, frei­wil­li­ges Enga­ge­ment kann durch­aus belas­tend sein, insbe­son­dere wenn der zeit­li­che Aufwand sehr hoch ist oder die Verant­wor­tung und der Leis­tungs­druck stei­gen. Die Befra­gung zeigt, dass dies die gröss­ten Stress­fak­to­ren für Frei­wil­lige sind. Wenn Unter­stüt­zung fehlt oder die Erwar­tun­gen nicht klar kommu­ni­ziert werden, kann dies eben­falls zu Über­for­de­rung führen.

Frei­wil­li­ges Enga­ge­ment kann durch­aus belas­tend sein.

Lässt der Bericht Rück­schlüsse auf Verbes­se­rungs­po­ten­zial zu?

Abso­lut. Die Situa­ti­ons­ana­lyse zeigt, dass Orga­ni­sa­tio­nen gezielt Mass­nah­men ergrei­fen könn­ten, um das Wohl­be­fin­den der Frei­wil­li­gen zu stär­ken und Belas­tun­gen zu redu­zie­ren. Dazu gehört beispiels­weise eine bessere zeit­li­che Planung, Entlas­tung bei anspruchs­vol­len Aufga­ben, klare Kommu­ni­ka­tion und mehr Unter­stüt­zung. Auch die Förde­rung von Wert­schät­zung und Aner­ken­nung bleibt zentral, sollte jedoch durch prak­ti­sche Entlas­tung ergänzt werden.

Nun suchen Sie Ideen, und Mass­nah­men von Verei­nen und Orga­ni­sa­tio­nen, wie das Wohl­be­fin­den gestärkt werden kann. Müssen das bestehende Projekte sein oder sollen neue ange­dacht werden?

Bei unse­rem Ideen­wett­be­werb «Frei­wil­li­ges Enga­ge­ment» können sowohl Weiter­ent­wick­lun­gen von bereits bestehen­den Projek­ten als auch neue Ideen einge­reicht werden. Wich­tig ist, dass die Mass­nah­men konkret darauf abzie­len, das Wohl­be­fin­den der Frei­wil­li­gen zu verbes­sern. Der Ideen­wett­be­werb soll Raum für krea­tive Ansätze bieten, die entwe­der bestehende Struk­tu­ren opti­mie­ren oder inno­va­tive Lösun­gen schaffen.

Was geschieht mit den einge­reich­ten Ideen und Massnahmen?

Die einge­reich­ten Ideen werden zunächst von einer Jury geprüft. Im Sommer gehen dann 25 Projekte in ein Public Voting, bei dem die Öffent­lich­keit über die besten Vorschläge abstim­men kann. Die 15 Projekte mit den meis­ten Stim­men erhal­ten Förder­bei­träge zwischen 10’000 und 30’000 Fran­ken sowie fach­li­che Beglei­tung, um die Umset­zung der Ideen zu unterstützen.

Der Ideen­wett­be­werb soll Raum für krea­tive Ansätze bieten.

Um die Bedeu­tung des frei­wil­li­gen Enga­ge­ments wert­zu­schät­zen, bedankt sich das Migros-Kultur­pro­zent bei den Frei­wil­li­gen und verlost 200 Danke­ses­sen: Wie komme ich in den Genuss eines Essens?

Vereine und Orga­ni­sa­tio­nen können sich bis zum 10. Mai 2026 für ein Danke­ses­sen bewer­ben. Es gibt zwei Möglich­kei­ten: Grös­sere Vereine mit 40 bis 150 Perso­nen können sich für eines von 100 gemein­sa­men Essen in einem Migros-Restau­rant bewer­ben. Für klei­nere Vereine und Orga­ni­sa­tio­nen zwischen 5 bis 39 Perso­nen verlo­sen wir Migros-Gutscheine im Wert von 50 Fran­ken pro teil­neh­mende Person, damit sie ein indi­vi­du­el­les Danke­ses­sen orga­ni­sie­ren können.

Weshalb nimmt sich das Migros-Kultur­pro­zent des frei­wil­li­gen Enga­ge­ments an?

Das Migros-Kultur­pro­zent enga­giert sich seit mehr als 20 Jahren für frei­wil­li­ges Enga­ge­ment, weil es eine tragende Kraft für eine starke Zivil­ge­sell­schaft ist, den sozia­len Zusam­men­halt stärkt und die Gemein­schaft in der Schweiz festigt. Dieses gesell­schaft­li­che Enga­ge­ment der Migros zeigt sich in viel­fäl­ti­ger Weise: als Grün­dungs­mit­glied des Netz­werks «frei­wil­lig enga­giert», durch Förder­bei­träge und fach­li­che Unter­stüt­zung für Vereine und Orga­ni­sa­tio­nen, die Grün­dung der Fach­stelle Vitamin B sowie durch Studien und Publi­ka­tio­nen, die das frei­wil­lige Enga­ge­ment sicht­bar machen und fördern.


Weiter­füh­rende Infos zur Mitmach-Initia­tive «Hier und jetzt enga­giert», zur Verlo­sung der 200 Danke­ses­sen sowie der Ausschrei­bung des Ideen­wett­be­wer­bes «Frei­wil­li­ges Engagement».


Zahlen und Fakten zum frei­wil­li­gen Enga­ge­ment in der Schweiz

Frei­wil­li­ges Enga­ge­ment in der Schweiz ist von gros­ser Bedeu­tung für den Zusam­men­halt und stärkt damit die Zivil­ge­sell­schaft. Gemäss Arti­kel sechs der Bundes­ver­fas­sung trägt jede Person nach ihren Kräf­ten zur Bewäl­ti­gung der Aufga­ben in Staat und Gesell­schaft bei. Jähr­lich enga­gie­ren sich in der Schweiz zwei Drit­tel der Bevöl­ke­rung frei­wil­lig mit rund 590 Millio­nen Stun­den. 41 Prozent der Bevöl­ke­rung tut das in den geschätz­ten 80’000 bis 100’00 Verei­nen, in Orga­ni­sa­tio­nen und Institutionen.