Sie haben untersuchen lassen, wie es um das Wohlbefinden der Freiwilligen in der Schweiz steht: Was ist die wichtigste Erkenntnis?
Häufig wird betont, dass freiwilliges Engagement positive Effekte für die Freiwilligen selbst hat. Dies können beispielsweise die Sinnhaftigkeit der Aufgabe, die Möglichkeit, etwas zu bewirken, oder die soziale Einbindung in eine Gemeinschaft sein. Es wird jedoch kaum darüber gesprochen, dass es auch Faktoren geben kann, die sich negativ auf das Wohlbefinden der Freiwilligen auswirken. Darüber wollte das Migros-Kulturprozent mehr erfahren und hat bei Interface Politikstudien eine Online-Umfrage in Auftrag gegeben, die rund 1000 Freiwillige und Koordinator:innen von Freiwilligen in allen Landesteilen der Schweiz befragt. Die Ergebnisse zeigen, dass Freiwillige ihr Engagement überwiegend positiv erleben. Faktoren wie Wertschätzung, Sinnhaftigkeit und soziale Einbindung fördern ihr Wohlbefinden. Gleichzeitig geht aus der Situationsanalyse hervor, dass hohe zeitliche Belastung der grösste Stressfaktor ist, gefolgt von hoher Verantwortung, Leistungsdruck und fehlender Unterstützung. Es gibt also sowohl positive Aspekte als auch Herausforderungen, die angegangen werden müssen.
Konkrete Massnahmen zur Entlastung, wie etwa die Reduktion von zeitlichem Druck oder Unterstützung bei anspruchsvollen Aufgaben, sind weniger verbreitet.
Esther Unternährer, Leiterin Mitmach-Initiative
Wie gehen die Organisationen, mit dem Wohlbefinden der Freiwilligen um?
Die Befragung verdeutlicht, dass Organisationen ihren Freiwilligen häufig Anerkennung und Wertschätzung entgegenbringen, was wesentlich zum Wohlbefinden beiträgt. Allerdings sind konkrete Massnahmen zur Entlastung, wie etwa die Reduktion von zeitlichem Druck oder Unterstützung bei anspruchsvollen Aufgaben, weniger verbreitet. Hier besteht noch Verbesserungspotenzial, um das Wohlbefinden langfristig zu fördern.
Freiwilliges Engagement geht mit höherer Lebenszufriedenheit und besserer physischer und mentaler Gesundheit einher. Welche Faktoren sind verantwortlich für diesen Effekt?
Die positiven Effekte entstehen vor allem durch die Sinnhaftigkeit der Tätigkeit, die Möglichkeit, aktiv zur Gemeinschaft beizutragen, und die sozialen Kontakte, die dabei geknüpft werden. Freiwillige erleben das Gefühl, gebraucht zu werden, und können ihre Fähigkeiten einbringen, was sich positiv auf das Selbstwertgefühl auswirkt. Zudem stärken die soziale Einbindung und der Austausch mit anderen die mentale Gesundheit.
Je nach Aufgabe ist freiwilliges Engagement mit einer Verpflichtung und grossem zeitlichem Aufwand verbunden. Kann freiwilliges Engagement auch zu einer Belastung werden?
Ja, freiwilliges Engagement kann durchaus belastend sein, insbesondere wenn der zeitliche Aufwand sehr hoch ist oder die Verantwortung und der Leistungsdruck steigen. Die Befragung zeigt, dass dies die grössten Stressfaktoren für Freiwillige sind. Wenn Unterstützung fehlt oder die Erwartungen nicht klar kommuniziert werden, kann dies ebenfalls zu Überforderung führen.
Freiwilliges Engagement kann durchaus belastend sein.
Lässt der Bericht Rückschlüsse auf Verbesserungspotenzial zu?
Absolut. Die Situationsanalyse zeigt, dass Organisationen gezielt Massnahmen ergreifen könnten, um das Wohlbefinden der Freiwilligen zu stärken und Belastungen zu reduzieren. Dazu gehört beispielsweise eine bessere zeitliche Planung, Entlastung bei anspruchsvollen Aufgaben, klare Kommunikation und mehr Unterstützung. Auch die Förderung von Wertschätzung und Anerkennung bleibt zentral, sollte jedoch durch praktische Entlastung ergänzt werden.
Nun suchen Sie Ideen, und Massnahmen von Vereinen und Organisationen, wie das Wohlbefinden gestärkt werden kann. Müssen das bestehende Projekte sein oder sollen neue angedacht werden?
Bei unserem Ideenwettbewerb «Freiwilliges Engagement» können sowohl Weiterentwicklungen von bereits bestehenden Projekten als auch neue Ideen eingereicht werden. Wichtig ist, dass die Massnahmen konkret darauf abzielen, das Wohlbefinden der Freiwilligen zu verbessern. Der Ideenwettbewerb soll Raum für kreative Ansätze bieten, die entweder bestehende Strukturen optimieren oder innovative Lösungen schaffen.
Was geschieht mit den eingereichten Ideen und Massnahmen?
Die eingereichten Ideen werden zunächst von einer Jury geprüft. Im Sommer gehen dann 25 Projekte in ein Public Voting, bei dem die Öffentlichkeit über die besten Vorschläge abstimmen kann. Die 15 Projekte mit den meisten Stimmen erhalten Förderbeiträge zwischen 10’000 und 30’000 Franken sowie fachliche Begleitung, um die Umsetzung der Ideen zu unterstützen.
Der Ideenwettbewerb soll Raum für kreative Ansätze bieten.
Um die Bedeutung des freiwilligen Engagements wertzuschätzen, bedankt sich das Migros-Kulturprozent bei den Freiwilligen und verlost 200 Dankesessen: Wie komme ich in den Genuss eines Essens?
Vereine und Organisationen können sich bis zum 10. Mai 2026 für ein Dankesessen bewerben. Es gibt zwei Möglichkeiten: Grössere Vereine mit 40 bis 150 Personen können sich für eines von 100 gemeinsamen Essen in einem Migros-Restaurant bewerben. Für kleinere Vereine und Organisationen zwischen 5 bis 39 Personen verlosen wir Migros-Gutscheine im Wert von 50 Franken pro teilnehmende Person, damit sie ein individuelles Dankesessen organisieren können.
Weshalb nimmt sich das Migros-Kulturprozent des freiwilligen Engagements an?
Das Migros-Kulturprozent engagiert sich seit mehr als 20 Jahren für freiwilliges Engagement, weil es eine tragende Kraft für eine starke Zivilgesellschaft ist, den sozialen Zusammenhalt stärkt und die Gemeinschaft in der Schweiz festigt. Dieses gesellschaftliche Engagement der Migros zeigt sich in vielfältiger Weise: als Gründungsmitglied des Netzwerks «freiwillig engagiert», durch Förderbeiträge und fachliche Unterstützung für Vereine und Organisationen, die Gründung der Fachstelle Vitamin B sowie durch Studien und Publikationen, die das freiwillige Engagement sichtbar machen und fördern.
Zahlen und Fakten zum freiwilligen Engagement in der Schweiz
Freiwilliges Engagement in der Schweiz ist von grosser Bedeutung für den Zusammenhalt und stärkt damit die Zivilgesellschaft. Gemäss Artikel sechs der Bundesverfassung trägt jede Person nach ihren Kräften zur Bewältigung der Aufgaben in Staat und Gesellschaft bei. Jährlich engagieren sich in der Schweiz zwei Drittel der Bevölkerung freiwillig mit rund 590 Millionen Stunden. 41 Prozent der Bevölkerung tut das in den geschätzten 80’000 bis 100’00 Vereinen, in Organisationen und Institutionen.


