Der Aufstieg des Creator-Journalismus ist eine Antwort auf die tiefgreifenden Veränderungen in der Medienlandschaft. Auch im deutschsprachigen Raum arbeiten viele Journalist:innen zunehmend unabhängig von Medienhäusern und erreichen ihr Publikum über alternative Plattformen. Die Creator-Journalistinnen Gabriella Alvarez-Hummel und Kerstin Hasse gehen dieser Entwicklung in ihrem neu gegründeten Verein The Creator Press erstmals systematisch nach. Unterstützt von der Stiftung Mercator Schweiz veröffentlichen sie noch dieses Jahr den Creator-Journalismus-Report.

Ihr wollt mit The Creator Press herausfinden, wie es Creator-Journalist:innen im DACH-Raum geht. Was versteht ihr unter Creator-Journalismus?
Gabriella Alvarez-Hummel: Creator-Journalismus machen Menschen, die sich als Journalist:innen verstehen und ihre Inhalte im Internet verbreiten, etwa über Newsletter, Podcasts oder Social Media. Viele Creator Journalist:innen sind noch bei Medienhäusern angestellt und publizieren parallel eigene Inhalte. Uns interessiert genau diese Realität: Wie gross ist der Anteil des Einkommens aus eigenen Projekten? Sind sie nebst ihrer unabhängigen Tätigkeit Teilzeit oder Vollzeit angestellt? Wie kombinieren sie beides?

Kerstin Hasse: Wir unterscheiden auch verschiedene Rollen. Einige Creator-Journalist:innen arbeiten investigativ vor Ort, andere kuratieren News, wieder andere kommentieren und analysieren sie. Klar ist, dass sich Creator-Journalismus mittlerweile auch im DACH-Raum durchsetzt. Während es in den USA längst Communitys für diese Art von Journalist:innen gibt, waren bislang viele kritisch, dass sich das auch hier etablieren würde. Heute ist das Thema auch auf deutschsprachigen Konferenzen omnipräsent.
Welche Lücke schliesst der Creator-Journalismus-Report?
Gabriella Alvarez-Hummel: Es gibt im gesamten DACH-Raum kaum Daten zu diesem Bereich. Einzelne Studien beschäftigen sich mit Content Creators oder sogenannten Newsfluencers, aber nur am Rand mit Creator-Journalismus. Eine unserer zentralen Fragen ist, ob sich die von uns befragten Personen überhaupt selbst als Creator-Journalist:innen verstehen.
Kerstin Hasse: Der Report soll auch helfen, journalistische Standards im Creator-Bereich greifbarer zu machen. Vielen Creator-Journalist:innen fehlen klare Richtlinien, zum Beispiel im Umgang mit Fehlern und Korrigenda oder wie viele Quellen sie für ihre Beiträge heranziehen sollten.
Ihr sprecht aus eigener Erfahrung. Was sind die grössten Herausforderungen als Creator-Journalistin?
Kerstin Hasse: Monetarisierung ist ein grosses Thema. Mein Traum ist nicht, mit meiner Arbeit reich zu werden. Ich möchte aber davon leben können, journalistisch die Themen zu bearbeiten, die mir wichtig sind. Gleichzeitig ist man abhängig von Drittplattformen, die einem erst einmal Reichweite geben, aber kein Geld. Dazu kommt der Vermarktungsdruck: Ich bin eine One-Woman-Show. Content, Distribution, Marketing und Strategie, das mache alles ich allein.
Mein Traum ist nicht, mit meiner Arbeit reich zu werden. Ich möchte aber davon leben können, journalistisch die Themen zu bearbeiten, die mir wichtig sind.
Kerstin Hasse
Wie ist die Zusammenarbeit mit der Stiftung Mercator Schweiz entstanden?
Gabriella Alvarez-Hummel: Wir wussten, dass Mercator Medienprojekte unterstützt und einen moderneren Förderansatz verfolgt. Ich kannte jemanden von der Stiftung, wir haben einen Termin vereinbart und unser Projekt vorgestellt.
Kerstin Hasse: Das Thema war dem Stiftungsrat sowieso schon auf dem Radar. Sie haben Creator-Journalismus als wichtigen Trend erkannt. Da wir selbst in diesem Feld tätig sind, war es für beide Seiten naheliegend, dass wir den Verein gründen und den Report gemeinsam realisieren.
Inwiefern ist der Report für Förderorganisationen relevant, die Journalismus oder neue journalistische Formate stärken wollen?
Gabriella Alvarez-Hummel: Gerade für digitale Journalismusprojekte gibt es bisher wenig Förderung. Es entstehen zwar neue Fördermodelle wie der Media Forward Fund, aber da ist noch viel Luft nach oben. Ich hoffe, dass der Report ein Bewusstsein schafft und Creator-Journalismus auch im Stiftungssektor mehr Anerkennung erhält.
Kerstin Hasse: Viele Stiftungen wollen eine diversere Medienlandschaft fördern. Creator-Journalismus wird dazu einen wichtigen Beitrag leisten. Vor allem in einer Zeit, in der klassische Medien stark unter Druck stehen.
Was können NPOs und Stiftungen von Creator-Journalist:innen lernen?
Gabriella Alvarez-Hummel: Einfach machen! Die meisten Kanäle, auf denen auch Creator-Journalismus stattfindet, sind sehr zugänglich und niederschwellig. Aber vor allem braucht es Menschen, die eine Chance packen. Im Prozess entwickelt man sich dann laufend.
Kerstin Hasse: Ein wichtiges Konzept ist das User-Needs-Modell: Was brauchen User:innen wirklich – Orientierung, Einordnung, Inspiration? Creator-Journalismus bewegt sich sehr organisch entlang dieser Bedürfnisse. Das können sich auch NPOs und Förderorganisationen zu Herzen nehmen: Nicht etwas machen, weil es alle machen oder schon immer so war, sondern weil es den Menschen etwas bringt.
Es haben sich sogar erste Medienhäuser auf unserer Website gemeldet, weil sie am Report interessiert sind.
Gabriella Alvarez-Hummel
Wie gross ist die Resonanz auf The Creator Press und den geplanten Report bisher?
Kerstin Hasse: Sehr gross. Wir haben viele Rückmeldungen aus dem ganzen DACH-Raum erhalten und nun viele Creator-Journalist:innen gefunden, die an der Umfrage teilnehmen wollen. Aber vor allem werde ich von verschiedenen Kolleg:innen aus der Branche darauf angesprochen.
Gabriella Alvarez-Hummel: Mich hat überrascht, wie viele sich mit dem Thema beschäftigen. Es haben sich sogar erste Medienhäuser auf unserer Website gemeldet, weil sie am Report interessiert sind.
Wann rechnet ihr mit der Veröffentlichung des Reports?
Gabriella Alvarez-Hummel: Wenn alles gut läuft im Juni.
Wie geht es nach dem Report mit The Creator Press weiter?
Gabriella Alvarez-Hummel: Wir haben viele Ideen, aber wir wollen nur das weiterverfolgen, was wirklich nützlich ist. Ob wir eher ein Netzwerk aufbauen, mehr Sichtbarkeit schaffen oder beratend tätig werden, wird sich aus dem Report ergeben. Entscheidend ist, was wir daraus lernen und was tatsächlich gebraucht wird.
Foto-Credits
Porträt Gabriella Alvarez-Hummel: Noëlle Guidon
Porträt Kerstin Hasse: Raphaela Pichler


