Auf der Grundlage erkenntnistheoretischer Offenheit und kritischer Prüfung konnten neue Daten sowie empirische Einblicke in die gelebte Erfahrung von Menschen in der Flüchtlingshilfe gewonnen werden. Die Analyse konzentrierte sich auf drei Hauptthemen: Stress und Belastung, Strategien der Selbstfürsorge sowie das Vorhandensein von persönlichem Wachstum in Form der sogenannten «Entwicklung durch Widrigkeit» (Adversity-Activated Development – AAD; Papadopoulos, 2007). Diese Arbeit versucht, den vorherrschenden Ansatz des humanitären Wohlbefindens sowohl empirisch als auch konzeptionell herauszufordern.
Sinnvoll – und belastend
Nicht nur die Frage nach Stress und Burnout untersuchte die Arbeit, sondern auch wie Fachleute ihre Arbeit verstehen und erleben, was ihnen hilft, durchzuhalten und was sie verändert untersuchte die Arbeit. Die Antworten der Fachleute – Ärzt:innen, Dolmetscher:innen, Therapeut:innen, Menschenrechtsarbeiter:innen –, die jeweils jahrelang innerhalb des humanitären Systems tätig gewesen waren zeigten, dass Flüchtlingsarbeit sowohl als zutiefst sinnvoll als auch als emotional belastend erlebt wird.
Eines der dominierenden Muster, das sich zeigte, war die persönliche und emotionale Belastung, die mit der Flüchtlingshilfe verbunden ist. Die Teilnehmenden beschrieben erhebliche emotionale Arbeit, die oft zu Ermüdung, Burnout und Ernüchterung führte. Besonders wichtig war, dass nach Ansicht der Helfer:innen organisatorische Dysfunktionen – wie fehlende Supervision, unklare Rollen und schlechte Führung – eine beständigere Stressquelle darstellten als die direkte Konfrontation mit Trauma und Extrembelastung. Dieses Ergebnis unterstreicht, dass Belastungen in der humanitären Arbeit nicht nur klinisch oder trauma-basiert sind. Wir haben klinische Theorien über Trauma, die ursprünglich für Überlebende entwickelt wurden, auf Mitarbeitende übertragen – wobei systemische und ethische Verletzungen willkürlich als persönliche Psychopathologie behandelt werden. Das Problem ist jedoch auch moralischer, politischer, organisatorischer und relationaler Natur. Eine Studienteilnehmerin brachte es treffend auf den Punkt, als sie erklärte, dass Kolleg:innen zur Therapie geschickt wurden, obwohl sie eigentlich eher gutes Management und einen offenen Reflexionsraum gebraucht hätten.
Bestehende Narrative werden in Frage gestellt
Die Studienteilnehmenden entwickelten interessante Strategien, um ihre Selbstfürsorge aufrechtzuerhalten. Diese waren nicht unbedingt formalisiert oder von ihren Organisationen unterstützt. Stattdessen entstanden sie informell – durch persönliche Reflexion oder Erfahrung. Einige Helfer:innen suchten Supervision oder Peer-Support, während andere klare Grenzen setzten oder kreative Ausdrucksformen nutzten. Selbstfürsorge wurde konsequent als notwendiger und bewusster Prozess beschrieben, der manchmal auch als Reaktion auf organisationale Lücken entstand.
Trotz der klaren Herausforderungen und Schwierigkeiten in der Flüchtlingsarbeit brachte die Forschung auch Beispiele für Wachstum und persönliche Transformation ans Licht. Einige Teilnehmende berichteten, dass sie ein tieferes Gefühl von Sinn, größere emotionale Widerstandskraft und eine weiterentwickelte berufliche Identität gewonnen hatten. Diese Erfahrungen, die unter den Konzepten «Entwicklung durch Widrigkeit» und «stellvertretende Resilienz» (Vicarious Resilience – VR; Hernandez et al., 2007) erfasst wurden, deuten darauf hin, dass Helfer:innen durch ihre Arbeit Sinn und Bereicherung finden können. Diese Erzählungen stellen die vorherrschende Narrative infrage, dass humanitäre Arbeit vorwiegend zu Trauma oder psychischer Verschlechterung führt. Sie entwickelten tiefere Empathie und eine ehrlichere Beziehung zu ihren eigenen Grenzen.
Verwundete Heiler
Die Studie untersuchte auch, wie Organisations- und Arbeitsplatzdynamiken mit tiefergehenden psychologischen Themen interagieren. Viele Helfer:innen internalisierten organisatorische Versäumnisse oder erlebten ihre Rollen als ethisch konflikthaft. In einigen Fällen übernahmen sie Scham, Schuld oder Verantwortung für Dinge, die weit ausserhalb ihrer Kontrolle lagen. Konzepte aus der Jung’schen Psychologie wie der «Verwundete Heiler» (Pross, 2006; Gaist, 2010) boten eine hilfreiche Linse, um diese Erfahrungen zu verstehen. Dies kann zur Konzeptualisierung des Wohlbefindens (und der Fürsorge) humanitärer Mitarbeitender in einem breiteren psychosozialen Rahmen – über den klinischen Bereich hinaus – beitragen. Aspekte des «Verwundeten Heilers» zu erkennen, kann Selbstfürsorgepraktiken verbessern und unterstützende Richtlinien für Humanitäre inspirieren.
Die Ergebnisse verdeutlichen eine Diskrepanz zwischen den dominierenden Narrativen von Trauma und Burnout und den gelebten Erfahrungen humanitärer Helfer:innen. Der vorherrschende Ansatz riskiert, die innere Reaktionen auf schwierige und oft moralisch komplexe Arbeit zu pathologisieren. Teilnehmende berichteten mir, dass Mitarbeitende anstelle von Räumen zur Reflexion oder kollektiven Auseinandersetzung in Therapie überwiesen wurden – als ob das Problem bei ihnen läge und nicht im System, in dem sie gefangen waren. Ich möchte als Psychiater keinesfalls die Notwendigkeit und Vorteile einer psychiatrischen oder psychotherapeutischen Intervention in bestimmten Fällen und Situationen infrage stellen, jedoch dürfen individuelle therapeutische Prozesse die Verantwortung von Manager:innen oder Entscheidungsträger:innen über organisationale und politische Mängel in der Flüchtlingshilfe nicht ersetzen oder überdecken.
Wohlbefinden als relationale und systeme Aufgabe
Aus den Studienergebnissen ergaben sich mehrere Empfehlungen: Organisationen sollten Räume zur Reflexion schaffen, in denen Mitarbeitende ihre Erfahrungen ohne Angst vor Stigmatisierung verarbeiten können. Reflexive Unterstützungsgruppen könnten zur Kernpolitik von Organisationen werden. Strukturierte Supervision sollte auf allen Ebenen verfügbar sein, nicht nur für Kliniker:innen. Geeignete Tools (wie etwa das «Belastungsraster»; Papadopoulos, 2007) können Teams helfen, das gesamte Spektrum von Reaktionen auf Widrigkeiten zu erfassen – nicht nur die pathologischen. Workshops oder Retreats, in denen humanitäre Werte, ethische Dilemmata und politisches Bewusstsein thematisiert werden, sollten angeboten werden. Am wichtigsten ist, dass Organisationen Wohlbefinden vor allem als relationale und systemische Aufgabe begreifen – nicht nur als Angelegenheit des Individuums.
Humanitäre Hilfskräfte sind erschöpft – aber nicht nur wegen traumatischer Erfahrungen. Viele fühlen sich moralisch verletzt durch die Kluft zwischen ihren Werten und dem System, dem sie dienen. Diese Verletzung entsteht nicht durch das Miterleben von Leid, sondern dadurch, Teil eines Systems zu sein, das dieses intern ignoriert. Ihr Wohlbefinden kann nicht auf das klinische Trauma-Modell allein reduziert werden. Wohlbefinden ist ein facettenreiches, komplexes, dynamisches und umfassendes psychosoziales Konzept. Die Studie will einen Beitrag leisten zu einem Wandel, wie wir über das Wohlbefinden von Mitarbeitenden in der Flüchtlingshilfe denken. Die Bedingungen, unter denen sie arbeiten – und die Unterstützung, die sie erhalten –, spielen eine entscheidende Rolle. Für einen nachhaltigen, ethischen und funktionalen humanitären Sektor müssen wir die Fürsorge für diejenigen priorisieren, die ihn tragen.
Referenzen
Dimitriadis, C. (2025). Humanitarian helper wellbeing: A psychosocial refugee care approach. Doctoral thesis, University of Essex. DOI https://doi.org/10.5526/ERR-00041183
Gaist, B. (2010). Creative suffering and the wounded healer – Analytical psychology and Orthodox Christian theology. Orthodox Research Institute.
Hernández, P., Gangsei, D., & Engstrom, D. (2007). Vicarious resilience: A new concept in work with those who survive trauma. Family Process, 46, 229–241. Link
Papadopoulos, R. K. (2007). Refugees, trauma and adversity-activated development. European Journal of Psychotherapy and Counselling, 9(3), 301–312. Link
Pross, C. (2006). Burnout, vicarious traumatization and its prevention. Torture, 16(1), 1–9.


