Bild: Hassan Sherif, unsplash (Hintergrund erweitert)

Care für huma­ni­täre Helfer:innen: Ein alter­na­ti­ver Blick

In den letzten Jahren haben humanitäre Organisationen zunehmend die psychischen Gesundheitsbedürfnisse sowie die Bedeutung des psychosozialen Wohlbefindens ihrer Mitarbeitenden und Freiwilligen erkannt. Dieser Beitrag reflektiert  darüber, in welchem Ausmass die Arbeit in der Flüchtlingshilfe und -betreuung diejenigen beeinflusst, die sie leisten, und darüber, warum unser derzeitiges Modell des Mitarbeiterwohlbefindens überarbeitet werden muss. Diese Forschung entstand im Rahmen meines Doktorstudiums am Zentrum für Trauma, Asyl und Geflüchtete (CTAR) der Universität Essex.

Auf der Grund­lage erkennt­nis­theo­re­ti­scher Offen­heit und kriti­scher Prüfung konn­ten neue Daten sowie empi­ri­sche Einbli­cke in die gelebte Erfah­rung von Menschen in der Flücht­lings­hilfe gewon­nen werden. Die Analyse konzen­trierte sich auf drei Haupt­the­men: Stress und Belas­tung, Stra­te­gien der Selbst­für­sorge sowie das Vorhan­den­sein von persön­li­chem Wachs­tum in Form der soge­nann­ten «Entwick­lung durch Widrig­keit» (Adver­sity-Acti­va­ted Deve­lo­p­ment – AAD; Papado­pou­los, 2007). Diese Arbeit versucht, den vorherr­schen­den Ansatz des huma­ni­tä­ren Wohl­be­fin­dens sowohl empi­risch als auch konzep­tio­nell herauszufordern.

Sinn­voll – und belastend

Nicht nur die Frage nach Stress und Burn­out unter­suchte die Arbeit, sondern auch wie Fach­leute ihre Arbeit verste­hen und erle­ben, was ihnen hilft, durch­zu­hal­ten und was sie verän­dert unter­suchte die Arbeit. Die Antwor­ten der Fach­leute – Ärzt:innen, Dolmetscher:innen, Therapeut:innen, Menschenrechtsarbeiter:innen –, die jeweils jahre­lang inner­halb des huma­ni­tä­ren Systems tätig gewe­sen waren zeig­ten, dass Flücht­lings­ar­beit sowohl als zutiefst sinn­voll als auch als emotio­nal belas­tend erlebt wird.

Eines der domi­nie­ren­den Muster, das sich zeigte, war die persön­li­che und emotio­nale Belas­tung, die mit der Flücht­lings­hilfe verbun­den ist. Die Teil­neh­men­den beschrie­ben erheb­li­che emotio­nale Arbeit, die oft zu Ermü­dung, Burn­out und Ernüch­te­rung führte. Beson­ders wich­tig war, dass nach Ansicht der Helfer:innen orga­ni­sa­to­ri­sche Dysfunk­tio­nen – wie fehlende Super­vi­sion, unklare Rollen und schlechte Führung – eine bestän­di­gere Stress­quelle darstell­ten als die direkte Konfron­ta­tion mit Trauma und Extrem­be­las­tung. Dieses Ergeb­nis unter­streicht, dass Belas­tun­gen in der huma­ni­tä­ren Arbeit nicht nur klinisch oder trauma-basiert sind. Wir haben klini­sche Theo­rien über Trauma, die ursprüng­lich für Über­le­bende entwi­ckelt wurden, auf Mitar­bei­tende über­tra­gen – wobei syste­mi­sche und ethi­sche Verlet­zun­gen will­kür­lich als persön­li­che Psycho­pa­tho­lo­gie behan­delt werden. Das Problem ist jedoch auch mora­li­scher, poli­ti­scher, orga­ni­sa­to­ri­scher und rela­tio­na­ler Natur. Eine Studi­en­teil­neh­me­rin brachte es tref­fend auf den Punkt, als sie erklärte, dass Kolleg:innen zur Thera­pie geschickt wurden, obwohl sie eigent­lich eher gutes Manage­ment und einen offe­nen Refle­xi­ons­raum gebraucht hätten.

Bestehende Narra­tive werden in Frage gestellt

Die Studi­en­teil­neh­men­den entwi­ckel­ten inter­es­sante Stra­te­gien, um ihre Selbst­für­sorge aufrecht­zu­er­hal­ten. Diese waren nicht unbe­dingt forma­li­siert oder von ihren Orga­ni­sa­tio­nen unter­stützt. Statt­des­sen entstan­den sie infor­mell – durch persön­li­che Refle­xion oder Erfah­rung. Einige Helfer:innen such­ten Super­vi­sion oder Peer-Support, während andere klare Gren­zen setz­ten oder krea­tive Ausdrucks­for­men nutz­ten. Selbst­für­sorge wurde konse­quent als notwen­di­ger und bewuss­ter Prozess beschrie­ben, der manch­mal auch als Reak­tion auf orga­ni­sa­tio­nale Lücken entstand.

Trotz der klaren Heraus­for­de­run­gen und Schwie­rig­kei­ten in der Flücht­lings­ar­beit brachte die Forschung auch Beispiele für Wachs­tum und persön­li­che Trans­for­ma­tion ans Licht. Einige Teil­neh­mende berich­te­ten, dass sie ein tiefe­res Gefühl von Sinn, größere emotio­nale Wider­stands­kraft und eine weiter­ent­wi­ckelte beruf­li­che Iden­ti­tät gewon­nen hatten. Diese Erfah­run­gen, die unter den Konzep­ten «Entwick­lung durch Widrig­keit» und «stell­ver­tre­tende Resi­li­enz» (Vica­rious Resi­li­ence – VR; Hernan­dez et al., 2007) erfasst wurden, deuten darauf hin, dass Helfer:innen durch ihre Arbeit Sinn und Berei­che­rung finden können. Diese Erzäh­lun­gen stel­len die vorherr­schende Narra­tive infrage, dass huma­ni­täre Arbeit vorwie­gend zu Trauma oder psychi­scher Verschlech­te­rung führt. Sie entwi­ckel­ten tiefere Empa­thie und eine ehrli­chere Bezie­hung zu ihren eige­nen Grenzen.

Verwun­dete Heiler

Die Studie unter­suchte auch, wie Orga­ni­sa­ti­ons- und Arbeits­platz­dy­na­mi­ken mit tiefer­ge­hen­den psycho­lo­gi­schen Themen inter­agie­ren. Viele Helfer:innen inter­na­li­sier­ten orga­ni­sa­to­ri­sche Versäum­nisse oder erleb­ten ihre Rollen als ethisch konflikt­haft. In eini­gen Fällen über­nah­men sie Scham, Schuld oder Verant­wor­tung für Dinge, die weit ausser­halb ihrer Kontrolle lagen. Konzepte aus der Jung’schen Psycho­lo­gie wie der «Verwun­dete Heiler» (Pross, 2006; Gaist, 2010) boten eine hilf­rei­che Linse, um diese Erfah­run­gen zu verste­hen. Dies kann zur Konzep­tua­li­sie­rung des Wohl­be­fin­dens (und der Fürsorge) huma­ni­tä­rer Mitar­bei­ten­der in einem brei­te­ren psycho­so­zia­len Rahmen – über den klini­schen Bereich hinaus – beitra­gen. Aspekte des «Verwun­de­ten Heilers» zu erken­nen, kann Selbst­für­sor­ge­prak­ti­ken verbes­sern und unter­stüt­zende Richt­li­nien für Huma­ni­täre inspirieren.

Die Ergeb­nisse verdeut­li­chen eine Diskre­panz zwischen den domi­nie­ren­den Narra­ti­ven von Trauma und Burn­out und den geleb­ten Erfah­run­gen huma­ni­tä­rer Helfer:innen. Der vorherr­schende Ansatz riskiert, die innere Reak­tio­nen auf schwie­rige und oft mora­lisch komplexe Arbeit zu patho­lo­gi­sie­ren. Teil­neh­mende berich­te­ten mir, dass Mitar­bei­tende anstelle von Räumen zur Refle­xion oder kollek­ti­ven Ausein­an­der­set­zung in Thera­pie über­wie­sen wurden – als ob das Problem bei ihnen läge und nicht im System, in dem sie gefan­gen waren. Ich möchte als Psych­ia­ter keines­falls die Notwen­dig­keit und Vorteile einer psych­ia­tri­schen oder psycho­the­ra­peu­ti­schen Inter­ven­tion in bestimm­ten Fällen und Situa­tio­nen infrage stel­len, jedoch dürfen indi­vi­du­elle thera­peu­ti­sche Prozesse die Verant­wor­tung von Manager:innen oder Entscheidungsträger:innen über orga­ni­sa­tio­nale und poli­ti­sche Mängel in der Flücht­lings­hilfe nicht erset­zen oder überdecken.

Wohl­be­fin­den als rela­tio­nale und systeme Aufgabe

Aus den Studi­en­ergeb­nis­sen erga­ben sich mehrere Empfeh­lun­gen: Orga­ni­sa­tio­nen soll­ten Räume zur Refle­xion schaf­fen, in denen Mitar­bei­tende ihre Erfah­run­gen ohne Angst vor Stig­ma­ti­sie­rung verar­bei­ten können. Refle­xive Unter­stüt­zungs­grup­pen könn­ten zur Kern­po­li­tik von Orga­ni­sa­tio­nen werden. Struk­tu­rierte Super­vi­sion sollte auf allen Ebenen verfüg­bar sein, nicht nur für Kliniker:innen. Geeig­nete Tools (wie etwa das «Belas­tungs­ras­ter»; Papado­pou­los, 2007) können Teams helfen, das gesamte Spek­trum von Reak­tio­nen auf Widrig­kei­ten zu erfas­sen – nicht nur die patho­lo­gi­schen. Work­shops oder Retre­ats, in denen huma­ni­täre Werte, ethi­sche Dilem­mata und poli­ti­sches Bewusst­sein thema­ti­siert werden, soll­ten ange­bo­ten werden. Am wich­tigs­ten ist, dass Orga­ni­sa­tio­nen Wohl­be­fin­den vor allem als rela­tio­nale und syste­mi­sche Aufgabe begrei­fen – nicht nur als Ange­le­gen­heit des Individuums.

Huma­ni­täre Hilfs­kräfte sind erschöpft – aber nicht nur wegen trau­ma­ti­scher Erfah­run­gen. Viele fühlen sich mora­lisch verletzt durch die Kluft zwischen ihren Werten und dem System, dem sie dienen. Diese Verlet­zung entsteht nicht durch das Miter­le­ben von Leid, sondern dadurch, Teil eines Systems zu sein, das dieses intern igno­riert. Ihr Wohl­be­fin­den kann nicht auf das klini­sche Trauma-Modell allein redu­ziert werden. Wohl­be­fin­den ist ein facet­ten­rei­ches, komple­xes, dyna­mi­sches und umfas­sen­des psycho­so­zia­les Konzept. Die Studie will einen Beitrag leis­ten zu einem Wandel, wie wir über das Wohl­be­fin­den von Mitar­bei­ten­den in der Flücht­lings­hilfe denken. Die Bedin­gun­gen, unter denen sie arbei­ten – und die Unter­stüt­zung, die sie erhal­ten –, spie­len eine entschei­dende Rolle. Für einen nach­hal­ti­gen, ethi­schen und funk­tio­na­len huma­ni­tä­ren Sektor müssen wir die Fürsorge für dieje­ni­gen prio­ri­sie­ren, die ihn tragen.


Refe­ren­zen

Dimit­ria­dis, C. (2025). Huma­ni­ta­rian helper well­be­ing: A psycho­so­cial refu­gee care approach. Docto­ral thesis, Univer­sity of Essex. DOI https://doi.org/10.5526/ERR-00041183

Gaist, B. (2010). Crea­tive suffe­ring and the woun­ded healer – Analy­ti­cal psycho­logy and Ortho­dox Chris­tian theo­logy. Ortho­dox Rese­arch Institute.

Hernán­dez, P., Gangsei, D., & Engstrom, D. (2007). Vica­rious resi­li­ence: A new concept in work with those who survive trauma. Family Process, 46, 229–241. Link

Papado­pou­los, R. K. (2007). Refu­gees, trauma and adver­sity-acti­va­ted deve­lo­p­ment. Euro­pean Jour­nal of Psycho­the­rapy and Coun­sel­ling, 9(3), 301–312. Link

Pross, C. (2006). Burn­out, vica­rious trau­ma­tiza­tion and its preven­tion. Torture, 16(1), 1–9.

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