Dr. Sophia Benz, Geschäftsleiterin BOS Schweiz

BOS: Orang-Utans sind die Gärt­ner des Waldes

Der 19. August wird jeweils den Orang-Utans gewidmet: Es ist der Welt-Orang-Utan Tag. Morgen ist es wieder so weit. Orang-Utans übernehmen eine Schlüsselrolle im Ökosystem und somit im Klimaschutz. Die Tiere bräuchten den Regenwald, aber der Regenwald bräuchte eben auch sie, meint Sophia Benz, Geschäftsleiterin von BOS Schweiz. Sie spricht über die Aktivitäten von BOS, die Bedeutung der Primaten und was wir beitragen können.

BOS Schweiz wurde 2004 gegrün­det. Was genau war der Anstoss?

Zwei der drei Grün­dungs­mit­glie­der von BOS Schweiz reisten damals nach Indo­ne­sien und besuch­ten rein aus priva­tem Inter­esse die Projekte der BOS Foun­da­tion auf Borneo. Die Orga­ni­sa­tion hatte dort gerade ödes und leicht entflamm­ba­res Gras­land erwor­ben. Hier sollte Regen­wald wieder aufge­for­stet und Samboja Lestari als zweite BOS-Rettungs­sta­tion aufge­baut werden.

BOS Schweiz setzt sich für die Auffor­stung der Regen­wäl­der Borneos ein. (Copy­right BOS Schweiz)

Heute, knapp 30 Jahre und eine Million Setz­linge später, steht in Samboja Lestari wieder intak­ter Regen­wald. Aufgrund schwe­rer Wald­brände such­ten damals zudem sehr viele verwai­ste Orang-Utan-Babys Zuflucht bei BOS. Die riesen­gros­sen logi­sti­schen und finan­zi­el­len Heraus­for­de­run­gen, aber auch der holi­sti­sche Ansatz der Orga­ni­sa­tion beein­druck­ten Elisa­beth Labes und Thomas Kamm damals so sehr, dass sie beschlos­sen, gemein­sam mit Reto Davatz eine Part­ner­or­ga­ni­sa­tion in der Schweiz zu grün­den, die mitt­ler­weile zur gröss­ten Geld­ge­be­rin der BOS Foun­da­tion gewach­sen ist. Thomas Kamm fungiert bis heute als Präsi­dent von BOS Schweiz.

Der Verein Borneo Oran­gutan Survi­val (BOS) Schweiz setzt sich mit Dorf­ge­mein­schaf­ten für die Auffor­stung zerstör­ter Regen­wald­ge­biete und den Erhalt der Biodi­ver­si­tät ein. Weshalb die Dorfgemeinschaften?

Weil wir nicht riskie­ren können, dass die Orang-Utans, die wir mühe­voll bis zu 10 Jahre lang auf ein Leben in der Frei­heit vorbe­rei­tet haben, nach ihrer Auswil­de­rung gejagt werden oder als Haus­tiere enden. Weil wir der loka­len Bevöl­ke­rung Alter­na­ti­ven zu ille­ga­len Akti­vi­tä­ten wie dem Holz­ein­schlag im Schutz­wald bieten möch­ten. Weil es nach­hal­tige und alter­na­tive Einkom­mens­quel­len zu einer Anstel­lung auf einer Palm­öl­plan­tage oder im Berg­bau braucht, um den Lebens­raum der Orang-Utans zu erhal­ten. Und weil der Arten­schutz nun mal keine Prio­ri­tät geniesst in einem Kontext von Armut und Marginalisierung.

Rund um unsere Auswil­de­rungs­ge­biete und Rettungs­sta­tio­nen arbei­ten wir verstärkt mit Indi­ge­nen, deren Iden­ti­tät eng mit dem Wald verbun­den ist, da sie ehemals noma­disch lebten. Diese Bindung zum Wald ging aber verlo­ren. Oft leben sie ausge­grenzt und kämp­fen selbst ums Über­le­ben. Dr. Jamar­tin Sihite, Chef der BOS Foun­da­tion in Indo­ne­sien, fasst diese Proble­ma­tik gerne so zusam­men: «Don’t talk conser­va­tion to hungry people.» Ohne ein Umden­ken vor Ort aber auch hier in unse­rem Konsum­ver­hal­ten werden wir die Orang-Utans und den Regen­wald nicht retten können.

80 Prozent der Regen­wäl­der Borneos sind so bereits zerstört.

Dr. Sophia Benz, Geschäfts­lei­te­rin BOS Schweiz

Konn­ten Sie bereits Erfolge erzielen?

Ja, viele. Seit der Grün­dung konnte BOS knapp 3000 Orang-Utans retten oder in sichere Gebiete umsie­deln, fast 500 haben wir seit 2012 wieder ausge­wil­dert und wir wissen von 27 in der Wild­nis von ausge­wil­der­ten Orang-Utan-Müttern gebo­re­nen Babys. Fast 5000 Quadrat­ki­lo­me­ter Regen­wald stehen unter unse­rem Schutz. Unter ande­rem unter­hält BOS ein eige­nes Auswil­de­rungs­ge­biet von der Grösse Singa­purs. Diese Zahlen spre­chen für sich und sind mehr als nur ein Trop­fen auf den heis­sen Stein. Da BOS das grösste Prima­ten­schutz­pro­gramm der Welt ist, einen holi­sti­schen Ansatz verfolgt und den komplet­ten Zyklus von der Rettung, über die Reha­bi­li­ta­tion bis zur Auswil­de­rung abdeckt, leisten wir tatsäch­lich einen signi­fi­kan­ten Beitrag im Orang-Utan- und Regen­wald­schutz. Das ist unglaub­lich moti­vie­rend und ich liebe meinen Job genau aus diesem Grund.

Zudem stecken hinter all diesen nack­ten Erfolgs­zah­len sehr berüh­rende Einzel­schick­sale, wie zum Beispiel das von Orang-Utan Suja. Sie wurde als Baby ihrer Mutter entris­sen, ille­gal nach Thai­land geschmug­gelt und dort in Thai-Boxkämp­fen zur Belu­sti­gung der Zuschauer:innen einge­setzt. Bis sie mit eini­gen ande­ren Orang-Utans zurück nach Indo­ne­sien gebracht werden konnte und über 15 Jahre lang von uns auf ein Leben in der Wild­nis vorbe­rei­tet wurde. Auf der Voraus­wil­de­rungs­in­sel gebar Suja ihr Baby Bella. Gemein­sam wurden die beiden schliess­lich 2019 in einem unse­rer Auswil­de­rungs­ge­biete in die Frei­heit entlas­sen. Ein unglaub­li­cher Erfolg, wenn man die Geschichte dieses Tieres bedenkt!

Orang-Utan-Baby (Copy­right BOS Foundation)

Oder vor weni­gen Wochen haben wir eine aus der Schweiz finan­zierte Solar­an­lage in Betrieb genom­men, welche ab jetzt die komplette BOS-Rettungs­sta­tion in Samboja Lestari mit saube­rem Strom versorgt. Wir sparen so jähr­lich knapp 150 000 Kilo­gramm CO2 ein und können auf 100 000 Liter Diesel verzich­ten. Das ist ein Projekt, auf das ich und mein Team sehr stolz sind.

Hinzu kommen unsere Erfolge in der Schweiz, beispiels­weise im Bereich Bildungs­ar­beit. Hunderte Kinder besu­chen jähr­lich unsere Orang-Utan-Work­shops oder genies­sen unser BOS im Klas­sen­zim­mer Programm. Die Kinder bren­nen dank dieser Erfah­rung für den Orang-Utan‑, Regen­wald- und Klima­schutz. Unser aller Schick­sal und das Schick­sal der Orang-Utans hängen von diesen Kindern ab.

Welche Bilanz ziehen Sie nach 16 Jahren?

Wir haben den Zeit­punkt ganz klar verpasst, wo es einfach gewe­sen wäre, die Orang-Utans, den Regen­wald und letzt­lich unser Welt­klima zu retten. Aber es ist noch nicht zu spät. Es gibt Möglich­kei­ten und Wege, wie wir den fata­len Trend noch umkeh­ren oder zumin­dest abmil­dern können. Dafür braucht es uns aber alle.

Sie sagen, ohne Orang-Utans könne der Regen­wald nicht funk­tio­nie­ren. Warum über­neh­men die Prima­ten eine Schlüsselrolle?

Orang-Utans werden auch als Gärt­ner des Waldes bezeich­net. Sie brau­chen den Regen­wald, aber der Regen­wald braucht eben auch sie. Bestimmte Pflan­zen werden nur über die Orang-Utans verbrei­tet. Andere Samen keimen dadurch rich­tig, bezie­hungs­weise besser, indem sie den Verdau­ungs­trakt der Orang-Utans durch­lau­fen. Beim tagtäg­li­chen Nest­bau und beim Klet­tern brechen Orang-Utans zudem Äste ab, sodass Sonnen­licht bis in die tiefe­ren Schich­ten des Waldes vordrin­gen kann. Darauf sind wiederum andere Pflan­zen und Tiere ange­wie­sen. Von den Orang-Utans hängt so ein ganzes Ökosy­stem ab. Ster­ben sie aus, bricht dieses Ökosy­stem zusam­men und letzt­lich alles andere, was daran hängt. Eine Ketten­re­ak­tion in Sachen Arten­ster­ben setzt ein. Nur wenige Tiere oder Pflan­zen erfül­len eine vergleich­bare Schlüs­sel­po­si­tion im Regenwald. 

Orang-Utan Ponti mit Baby (Copy­right Björn Vaughn, BOSF, BOS Schweiz)

Orang-Utans gelten welt­weit als geschützte Art. Ihre Lebens­räume offen­bar häufig nicht. Woran liegt das?

Alle drei Orang-Utan Arten, die es gibt, sind heute akut vom Ausster­ben bedroht. Die weni­gen Suma­tra Orang-Utans, die es heute noch gibt (ca. 15 000), leben zum Gross­teil in Schutz­ge­bie­ten. Auf Borneo ist die Situa­tion umge­kehrt. Die Mehr­heit der noch leben­den wilden Borneo Orang-Utans (knapp 54 000 bis viel­leicht 100 000) ist in Gebie­ten behei­ma­tet, die nicht geschützt sind. Diese Wälder sind für den Holz­ein­schlag oder die Plan­ta­gen­wirt­schaft frei­ge­ge­ben. Sie sind oder werden bereits zerstört oder die Lizen­zen sind verge­ben und werden in naher Zukunft wirt­schaft­lich genutzt werden. Konzes­sio­nen werden zudem ille­gal im Rahmen von Brand­ro­dun­gen erwei­tert, die dann riesige Torf- und Wald­brände mit sich brin­gen. 80 Prozent der Regen­wäl­der Borneos sind so bereits zerstört. Da wirt­schaft­lich rele­vante Wälder eher in tiefe­ren Regio­nen liegen, ist es genau der Lebens­raum der Orang-Utans, der von Palm­öl­plan­ta­gen, Berg­bau (Kohle­ab­bau oder auch Gold­mi­nen) sowie Sied­lun­gen bedroht ist. Dem Orang-Utan- und Regen­wald­schutz stehen also lukra­tive wirt­schaft­li­che Inter­es­sen entgegen.

Orang-Utans werden auch als Gärt­ner des Waldes bezeich­net. Sie brau­chen den Regen­wald, aber der Regen­wald braucht eben auch sie.

Dr. Sophia Benz

Laut BOS werden allein auf Borneo bis zu 1,3 Millio­nen Hektar Regen­wald jähr­lich vernich­tet. Was ist die Hauptursache?

Die Zerstö­rung der Regen­wäl­der auf Borneo ist eng verknüpft mit der Palmöl- und Holz­in­du­strie sowie dem Berg­bau. Palmöl befin­det sich in fast jedem zwei­ten Super­markt­pro­dukt, das wir konsu­mie­ren, wird aber auch in Kosme­tika und Medi­ka­men­ten verar­bei­tet. Zudem wird Palmöl im gros­sen Stil soge­nann­ten Biokraft­stof­fen beigemischt.

Palmöl befin­det sich in fast jedem zwei­ten Super­markt­pro­dukt, das wir konsu­mie­ren, wird aber auch in Kosme­tika und Medi­ka­men­ten verarbeitet.

Dr. Sophia Benz

Auf der Webseite von BOS heisst es: Der Mensch sei das Problem, aber auch die Lösung. Was können wir in der Schweiz aktiv tun, um den Regen­wald und die Biodi­ver­si­tät zu schützen?

Die Menschen in der Schweiz können ihren Konsum anpas­sen und wo es geht auf Palmöl in Nahrungs­mit­teln verzich­ten. Das geht und ist auch nicht immer zwangs­weise teurer. Also Pizza­teig mit Olivenöl statt Fertig­pizza mit Palmöl kaufen. Palm­öl­freie Scho­ko­la­den­auf­stri­che, Müslis, Seifen etc. sind mitt­ler­weile über­all erhält­lich. Bei den Nahrungs­mit­teln muss das Palmöl zudem dekla­riert werden und kann sich nicht mehr verstecken. Der Konsum von saiso­na­len und loka­len Produk­ten sowie ein gene­rell nach­hal­ti­ger Lebens­stil unter­stützt eigent­lich immer unser Anlie­gen. Papier zu sparen und zu recy­celn schützt den Regen­wald. Wer uns und unsere Arbei­tet unter­stützt, enga­giert sich eben­falls für die letz­ten Orang-Utans, den Regen­wald und das Klima. Zum Beispiel indem eine Orang-Utan-Paten­schaft oder Bäume für die Auffor­stung gespen­det oder per Urkunde verscheckt werden. Als Volontär:in kann man uns in der Schweiz und auf Borneo helfen. Eine gute Gele­gen­heit, BOS Schweiz kennen­zu­ler­nen und unsere Arbeit zu unter­stüt­zen, bietet sich gerade heute am Welt-Orang-Utan-Tag am 19. August: Über die Platt­form #RicardoF­or­Good verstei­gern wir preis­ge­krönte Wild­tier-Foto­gra­fien. 26 dieser Expo­nate können aktu­ell im Restau­rant Hiltl an der Sihl­strasse 28 in Zürich live bestaunt werden. Der Erlös fliesst zu 100 Prozent in unsere Projekte. Mehr Infor­ma­tion dazu, wie man BOS Schweiz unter­stüt­zen kann, finden sich unter www.bos-schweiz.ch oder auch www.one-tree-one-life.org.

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