Die Schweiz wird laut Prognosen weiter wachsen. Der Migros-Pionierfonds greift mit seiner Mission «Bauen. Wohnen. Leben.» die Frage auf, wie wir künftig bauen, wohnen und leben. Sie wollen den gesellschaftlichen Dialog unpolitisch anregen. Ist ein Engagement in diesem Thema überhaupt möglich, ohne politisch zu werden?
Bevölkerungswachstum ist für die Mission kein politischer Wunsch, sondern es ist eine statistische Realität, die wir als Ausgangspunkt nutzen. Natürlich berühren wir dabei ein Thema, das auch politisch virulent ist. Das ist auch gut so: Unsere Förderung soll ja nicht an der Lebensrealität der Bevölkerung vorbeigehen, sondern die Themen aufgreifen, die entscheidend dafür sind, wie unser Leben in Zukunft aussieht.
Ist das Bevölkerungswachstum das zentrale Thema Ihrer Mission?
Das Wachstum ist der Ausgangspunkt, aber nicht im eigentlichen Sinn das Thema. Die Mission beschäftigt sich mit Fragen, die auch ohne Wachstum dringlich wären: nachhaltiges Bauen, zirkuläre Materialien, neue Wohnmodelle, sozialer Zusammenhalt.
Unsere Förderung soll ja nicht an der Lebensrealität der Bevölkerung vorbeigehen, sondern die Themen aufgreifen, die entscheidend dafür sind, wie unser Leben in Zukunft aussieht.
Britta Friedrich, Leiterin des Migros-Pionierfonds
Sie gehen das Thema ganzheitlich an?
Der Raum wird knapper, das berührt ökologische, soziale und ökonomische Fragen zugleich und fordert neue Antworten in Bezug auf Nachhaltigkeit, den Umgang mit Dichte und nicht zuletzt die Frage, was Lebensqualität in der Schweiz ausmacht. Das ist denn auch unser Ankerpunkt: Als Teil des gesellschaftlichen Engagements der Migros möchte der Migros-Pionierfonds mit der Förderung innovativer unternehmerischer Ideen die Lebensqualität in der Schweiz sichern – und unsere Zukunft besser machen. Das Bevölkerungswachstum verschärft die Dringlichkeit. Gesellschaftliche Debatten um Wohnraum sind oft problemorientiert im Sinne von Dichtestress oder Flächenkonkurrenz.
Und mit der Mission wollen Sie hier neue Impulse setzen?
Mit der Mission will der Pionierfonds ein anderes Denken anregen und Chancen diskutieren. Hierbei geht es nicht darum, eine bestimmte Zukunft durchsetzen zu wollen, sondern Möglichkeitsräume und eine konstruktive Auseinandersetzung mit ihnen zu fördern. Auch wollen wir herausfinden, wie mögliche Ansätze bei der Bevölkerung ankommen – wo gehen sie mit, wo sehen sie Hürden. Das hilft uns dabei, unseren Förderfokus zu justieren und genau da anzusetzen, wo Bedarf und Potential am höchsten sind.
Wer gestaltet die Zukunft des Wohnens – Staat, Markt oder wir alle? Und wer trägt welche Verantwortung?
Wohnen ist weder ein rein technisches oder bauliches Thema, noch ist es ein rein politisches Thema. Es ist ein gesellschaftlicher Aushandlungsprozess. Der Staat setzt die regulatorischen Leitplanken, die Privatwirtschaft bringt Innovationskraft und Kapital, und die Zivilgesellschaft entscheidet letztlich darüber, was akzeptiert, getragen und gelebt wird.
Und wo wollen Sie sich engagieren?
Nun wir wissen , dass dieses Zusammenspiel nicht immer funktioniert bzw. nicht immer schnell genug funktioniert. Hier versuchen wir als Förderer einzuspringen: Indem wir nicht bloss Fachpersonen wie Architektinnen oder Planer ansprechen, sondern auch Nachbarinnen, Mieter, Familien oder Eigentümer, die tagtäglich mitgestalten, wie wir zusammenleben. Und nicht zuletzt, indem wir Projekten Starthilfe geben, die gesellschaftlich hohes Potential haben, für den Markt aber noch nicht ausreichend attraktiv sind.
Mut, Lernfähigkeit und ein klarer Gedanke dahinter sind entscheidender als der Status quo.
Was unterscheidet den Pionierfonds in seiner Förderlogik von klassischen Stiftungen?
Wie die meisten Stiftungen sieht sich auch der Pionierfonds nicht als reiner Geldgeber, sondern als aktiver Gestalter gesellschaftlicher Innovation und als Katalysator. Wir verfolgen dieses Ziel mit einem unternehmerischen Förderansatz und schliessen damit eine Lücke. Wir bieten Anschubfinanzierung für sogenannte Impact Startups – also junge Unternehmungen, die mit ihrem Geschäftsmodell eine gesellschaftliche Herausforderung lösen und ihre Wirkung durch wirtschaftliche Skalierung maximieren wollen.
Sie suchen diese Startups proaktiv?
Der Migros-Pionierfonds wartet nicht darauf, dass die besten Ideen von selbst anklopfen. Mit einem systematischen Scoutingansatz suchen wir aktiv nach Vorhaben, die gesellschaftliche Hebelwirkung entfalten können – auch dort, wo noch keine etablierten Strukturen bestehen.
Wie finden Sie Projekte, die noch niemand kennt, aber hohes gesellschaftliches Potenzial haben?
Unser Scouting ist thematisch fokussiert und systematisch aufgebaut: Wir analysieren Trends, sprechen mit Fachpersonen, beobachten Startup-Ökosysteme, Forschungseinrichtungen und soziale Innovationsnetzwerke. Gleichzeitig sind wir nah an den Lebensrealitäten der Bevölkerung. Dort entstehen oft die ersten Anzeichen dafür, wo gesellschaftlicher Wandel möglich oder notwendig wird. Scouting bedeutet für uns, diese Signale ernst zu nehmen und daraus Hypothesen und Suchfelder abzuleiten.
Welche Kriterien müssen Projekte erfüllen, damit sie überhaupt auf Ihren Radar kommen?
Wir suchen Vorhaben, die drei Bedingungen erfüllen: Sie müssen erstens zu unseren Förderthemen passen, also eine relevante gesellschaftliche Herausforderung adressieren, zweitens das Potenzial haben, einen Unterschied zu machen, sei dies im Massstab, in der Idee oder im Ansatz, und drittens einen unternehmerischen Ansatz verfolgen, der darauf ausgerichtet ist, dass sich eine Idee langfristig selbst tragen kann. Von uns geförderte Projekte stehen noch ganz am Anfang und müssen nicht perfekt sein, aber sie müssen die Fähigkeit besitzen, sich weiterzuentwickeln. Mut, Lernfähigkeit und ein klarer Gedanke dahinter sind entscheidender als der Status quo.
Wirkung entsteht nicht im ersten Jahr, sondern wenn eine Idee tragfähig wird.
Wie sieht die Bilanz dieses Ansatzes aus?
Dass dieser Ansatz trägt, zeigen die Ergebnisse seit 2012: Der Pionierfonds hat über 140 Millionen Franken in mehr als 160 Projekte investiert. Über 80 Prozent davon sind bis heute am Markt aktiv und haben die ursprüngliche Förderleistung durch ihre eigene Wertschöpfung mehr als verdoppelt. Konkret bedeutet dies: Jeder investierte Franken hat im Zeitraum 2012 bis 2024 eine gesellschaftliche Wertschöpfung von 2,25 Franken ausgelöst.
Viele Projekte scheitern nicht an der Idee, sondern am Durchhaltevermögen. Wie stellt der Pionierfonds sicher, dass Innovation nicht nach der Startphase steckenbleibt?
Wir gehen davon aus, dass jede Innovation schwierige Phasen durchläuft und planen genau dafür. Jedes Projekt wird hinsichtlich Risiken, Abhängigkeiten und kritischen Meilensteinen analysiert. Wir unterstützen dabei, die operative Struktur zu stabilisieren, ein realistisches Geschäftsmodell zu entwickeln und von Tag eins der Förderung an auch über Nachfolgefinanzierungen nachzudenken. Für uns ist klar: Wirkung entsteht nicht im ersten Jahr, sondern wenn eine Idee tragfähig wird. Unsere Aufgabe ist es, das Fundament dafür zu festigen.
Die Zukunft besser machen
Der Migros-Pionierfonds ergänzt das gesellschaftliche Engagement der Migros seit 2012 um einen unternehmerisch ausgerichteten Förderansatz. Mit dem Ziel, die Lebensqualität der Schweiz auch in Zukunft zu sichern und Fortschritt für alle spürbar zu machen, leistet er Anschubfinanzierung für Jungunternehmen, die mit ihren innovativen Geschäftsideen eine gesellschaftliche Herausforderung lösen und positive Veränderung schaffen wollen.
Der Fonds verfügt über jährlich rund 15 Millionen Franken und wird getragen von Unternehmen der Migros-Gruppe wie Denner, Migros Bank, Migrol, migrolino und Ex Libris. www.von0auf100.org


