Sevilla, Spanien, 11. July 2016: Solar Impulse fliegt über das Torresol Energy’s Gemasolar Thermosolar Kraftwerk. Bild: Solar Impulse/Jean Revillard/Rezo.ch

Bert­rand Piccard: «Im Kampf gegen die Klima­ver­än­de­rung können wir nur gemein­sam etwas erreichen.»

Der Pionier und Gründer der Solar Impulse Foundation Bertrand Piccard hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, die Chancen der nachhaltigen Entwicklung aufzuzeigen. Sein Ziel dabei ist, die Lücke zwischen Ökonomie und Ökologie zu schliessen.

The Philanthropist: Sie haben 1000 Lösun­gen zusam­men­ge­tra­gen, die effi­zi­ent und renta­bel dazu beitra­gen, die Klima­er­wär­mung zu brem­sen. Was war die grösste Heraus­for­de­rung: Dass die Lösung renta­bel sind oder dass sie effi­zi­ent einen Beitrag gegen die Klima­er­wär­mung leisten?
Bert­rand Piccard: Wir hatten keine allzu gros­sen Schwie­rig­kei­ten, Lösun­gen zu finden, die einen klaren Nutzen für die Umwelt bieten und dabei gleich­zei­tig finan­zi­ell renta­bel sind. Das Schwie­rige war jedoch, Tech­no­lo­gien zu finden, die jetzt schon zur Verfü­gung stehen. Das ist ein wesent­li­cher Aspekt meiner Mission: Lösun­gen zu fördern, die sofort umge­setzt werden können. Ich möchte mich nicht für Proto­ty­pen einset­zen, die unter Umstän­den in 10 oder gar 50 Jahren funk­tio­nie­ren können. Bis dann ist es nämlich zu spät.

Bert­rand Piccard, Bild: Solar Impluse

TP: Wie lassen sich die Lösun­gen in der Breite umset­zen?
BP: Ich bin fest davon über­zeugt, dass strenge Regeln benö­tigt werden, um beim Kampf gegen die Klima­krise voran­zu­kom­men. Dabei sind tech­no­lo­gi­sche Lösun­gen natür­lich wich­tig. Damit diese jedoch mit der erfor­der­li­chen Geschwin­dig­keit und im nöti­gen Ausmass umge­setzt werden können, müssen wir sicher­stel­len, dass sie durch Gesetze, Bestim­mun­gen und Initia­ti­ven im Bereich Umwelt­schutz an den Markt gebracht werden. Wir können es uns nicht leisten, auf eine Einfüh­rung dieser Lösun­gen in unse­rem Alltag zu warten, sondern wir müssen Regie­run­gen und inter­na­tio­nale Orga­ni­sa­tio­nen dazu auffor­dern, diesen Wandel umge­hend und in einem viel grös­se­ren Mass­stab zu verwirklichen.

Das Schwie­rige war jedoch, Tech­no­lo­gien zu finden, die jetzt schon zur Verfü­gung stehen. Das ist ein wesent­li­cher Aspekt meiner Mission: Lösun­gen zu fördern, die sofort umge­setzt werden können.

Betrand Piccard

TP: Wie konn­ten Sie den Kontakt zu klei­nen und gros­sen Unter­neh­men hinsicht­lich einer Teil­nahme an der Kampa­gne herstel­len?
BP: Wir haben ein hoch moti­vier­tes Team, das dafür zustän­dig ist, Lösun­gen auf der ganzen Welt ausfin­dig zu machen. Wir arbei­ten auch mit vielen Orga­ni­sa­tio­nen in der Nach­hal­tig­keits­bran­che, beispiels­weise Inku­ba­to­ren, Acce­le­ra­to­ren und Inno­va­tions-Netz­wer­ken wie das Inter­na­tio­nal Clean­tech Network, die Clean­tech Group usw., oder nutzen die Chan­cen, die das Programm Hori­zon 2020 der Euro­päi­schen Kommis­sion bietet. Dies half uns dabei, das Label bei einem grös­se­ren Publi­kum bekannt zu machen. Ausser­dem stellte die Welt­um­run­dung mit einem Solar­flug­zeug das Projekt Solar Impulse ins Rampen­licht, da es von Millio­nen Menschen verfolgt wurde. Viele Unter­neh­men kamen anschlies­send direkt auf uns zu und woll­ten Teil dieser neuen Mission werden.

TP: Welches sind die näch­sten Schritte der Solar Impulse Foun­da­tion?
BP: Die Stif­tung befasst sich mit der schritt­wei­sen Einfüh­rung dieser saube­ren Tech­no­lo­gien. Um dies zu errei­chen, arbei­ten wir an verschie­de­nen Projek­ten. Zum einen arbei­ten wir gerade an der Entwick­lung des Solu­ti­ons’ Guide, einer Art Such­ma­schine, mit der jeder nach ökolo­gi­schen Lösun­gen suchen kann, die spezi­ell auf seine Bedürf­nisse zuge­schnit­ten sind. Zum ande­ren arbei­ten wir momen­tan auch an den «Clean­prints», d. h. detail­lierte Berichte für bestimmte Indu­strie­zweige, Sekto­ren, Städte, Regio­nen oder Länder mit Empfeh­lun­gen für geeig­nete Lösun­gen sowie Hinwei­sen dazu, in welchen Berei­chen Bestim­mun­gen moder­ni­siert werden können, um eine ehrgei­zi­gere Umset­zung dieser Lösun­gen zu ermög­li­chen. Zu guter Letzt ist es auch unser Ziel, Lösun­gen zu unter­stüt­zen, indem wir Inve­sti­ti­ons­mög­lich­kei­ten finden und Kontakte zu passen­den Inve­sto­ren herstellen.

TP: Immer mehr Orga­ni­sa­tio­nen, Unter­neh­men und Stif­tun­gen beschäf­ti­gen sich mit dem Thema Nach­hal­tig­keit. Erleich­tert das die Arbeit Ihrer Stif­tung oder führt es zu mehr Konkur­renz?
BP: Unser Label bietet derzeit die einzige Beur­tei­lungs­mög­lich­keit, um die Wirt­schaft­lich­keit von Umwelt­schutz­tech­no­lo­gien zu zerti­fi­zie­ren. Genau gese­hen haben wir also nicht sehr viel Konkur­renz. Wenn es jedoch um den Kampf gegen die Klima­ver­än­de­rung geht, können wir meiner Meinung nach nur gemein­sam etwas errei­chen, da wir das glei­che Ziel verfol­gen. Natür­lich wollen wir, dass unsere Botschaft Aufmerk­sam­keit gewinnt, aber wir sind davon über­zeugt, dass die Arbeit ande­rer Orga­ni­sa­tio­nen unsere Mission ergänzt. Wir können diesen Kampf nicht alleine gewin­nen, das steht fest.

1. März 1999. Bert­rand Piccard und Brian Jones flie­gen mit der Breit­ling Orbi­ter 3 über die Schwei­zer Alpen. 

Bild: Piccard Family

11. Juni 2016. Ankunft in New York.

Bild: Solar Impulse/Jean Revillard/Rezo.ch

23. April 2016. Solar Impulse 2 fliegt über die Golden Gate Bridge in San Francisco.

Bild: Solar Impulse/Jean Revillard/Rezo.ch

TP: Sie inspi­rie­ren andere mit Ihrer Pionier­ar­beit. Wie wich­tig ist es bei einem Thema wie dem Klima­schutz, Leute auf der emotio­na­len Ebene zu errei­chen?
BP: Als Psych­ia­ter weiss ich, wie wich­tig es ist, sein Gegen­über nicht nur auf ratio­na­ler, sondern auch auf emotio­na­ler Ebene anzu­spre­chen. Bei der Klima­ver­än­de­rung geht es nicht nur darum, dass unsere Ther­mo­me­ter in Zukunft ein, zwei oder sogar fünf Grad Celsius mehr anzei­gen werden. Es geht darum, was wir, die Mensch­heit, zusam­men auf die Beine stel­len können, nämlich ein besse­res System, von dem alle profi­tie­ren und nicht nur ein paar wenige. Eine Welt, in der es den Menschen gut geht, in der sie im Einklang mit der Natur ein ange­neh­mes Leben führen können. Ein System, in dem wir nicht einfach hinneh­men, dass so viele Menschen und Tiere leiden müssen. Obwohl es wich­tig ist, dass Leute über die Gescheh­nisse infor­miert sind, ist es viel wirkungs­vol­ler, sie mit Lösun­gen und einer Zukunfts­per­spek­tive zu moti­vie­ren – so kann man sie dazu bewe­gen, selbst Akteure der Verän­de­rung zu werden.

Es ist viel wirkungs­vol­ler, sie mit Lösun­gen und einer Zukunfts­per­spek­tive zu motivieren.

Betrand Piccard

TP: Ihr Vater setzte sich für den Schutz der Meere und Seen ein, indem er die Tief­see erforschte. Welche Rolle spielt Wissen, wenn man Leute dazu anspor­nen will, sich klima­freund­li­cher zu verhal­ten?
BP: Wissen war tatsäch­lich ein mass­geb­li­cher Faktor, sowohl bei der Forschungs­reise meines Vaters, als er Leben in der Tief­see entdeckte und die Versen­kung von Atom­müll im Ozean verhin­derte, als auch bei der Expe­di­tion meines Gross­va­ters, als er als erster Mensch in die Stra­to­sphäre aufstieg und die Druck­ka­bine erfand. Beide haben mich die Wich­tig­keit des Lernens und Erfor­schens gelehrt. Tatsäch­lich ist meine Mission mit der Solar Impulse Foun­da­tion und der 1000 Solu­ti­ons Chal­lenge auch eng mit Wissen verbun­den, denn ich bin nicht derje­nige, der diese 1000 Lösun­gen erfun­den hat. Aber es ist mein Ziel, sie bei der Allge­mein­heit bekann­ter zu machen.

TP: Das Projekt Solar Impulse war der Ursprung der Stif­tung. Wie kam die Idee dafür zustande?
BP: Ich kann mich noch genau an den Moment erin­nern, als ich beschloss, mich mit der Iden­ti­fi­zie­rung von tech­no­lo­gi­schen Lösun­gen zu befas­sen. Als ich mit der Solar Impulse um die Welt flog, sah ich, wie die Sonne meine vier elek­tri­schen Moto­ren mit riesi­gen Propel­lern antrieb. Dabei entstan­den weder Lärm noch Umwelt­ver­schmut­zung und ich konnte ohne Kraft­stoff endlos weiter­flie­gen. Diese Tatsa­che schien futu­ri­stisch. Aber ich merkte, dass ich mich nicht in der Zukunft befand. Ganz im Gegen­teil: Ich war im Hier und Jetzt und verwen­dete die Tech­no­lo­gien, die uns jetzt schon zur Verfü­gung stehen. Da wurde mir klar, dass sich der Rest der Welt in der Vergan­gen­heit befin­det – mit alten, umwelt­be­la­sten­den und inef­fi­zi­en­ten Systeme, wie beispiels­weise Verbren­nungs­mo­to­ren, schlecht isolier­ten Häusern, veral­te­ten Heiz- und Kühl­sy­ste­men sowie wenig effi­zi­en­ten Ener­gie­ver­sor­gungs­net­zen. Also beschloss ich, mich auf die Förde­rung von saube­ren und wirk­sa­men Tech­no­lo­gien zu konzen­trie­ren, die heute bereits verfüg­bar sind. Und so wurde die Idee für die #1000SolutionsChallenge geboren.

Die Rubrik die Zahl: 1000

Die 1000 Lösungen

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