Lea Ziörjen, Betriebsleiterin Arche Kinderbegleitung. Bild, zVg, Arche Zürich

Arche Zürich: Vertrauen macht Schule

Die Arche Zürich setzt sich seit den 1980er-Jahren für Menschen in schwierigen Situationen ein. Ein Angebot ist die Arche Kinderbegleitung. The Philanthropist hat mit Lea Ziörjen, der Betriebsleiterin Arche Kinderbegleitung, gesprochen.

Wie muss ich mir die Kinder­be­glei­tung vorstellen?

Unsere Arche Kinder­be­glei­tung ist eine Einzel­be­glei­tung für Kinder und Jugend­li­che mit Heraus­for­de­run­gen im Sprach‑, Schul­be­reich oder bei ihrer Inte­gra­tion. Einmal wöchent­lich trifft sich das Kind mit seiner frei­wil­li­gen Begleit­per­son in den Räum­lich­kei­ten der Arche Kinder­be­glei­tung. Das Haupt­ziel ist die Inte­gra­tion. Diese wird durch eine Verbes­se­rung der Deutsch­kennt­nisse und die Unter­stüt­zung bei den Haus­auf­ga­ben geför­dert. Die Kinder und Jugend­li­chen haben die Möglich­keit, ohne Konkur­renz und Zeit­druck zu üben. Die indi­vi­du­elle Zuwen­dung der konstan­ten Einzel­be­glei­tung steht im Vordergrund.

Welche Kinder errei­chen Sie mit Ihrem Ange­bot – und welche würden Sie gern noch besser erreichen?

Wir errei­chen vor allem Kinder, die in schwie­ri­gen Lebens­si­tua­tio­nen aufwach­sen – sei es durch Belas­tun­gen im fami­liä­ren Umfeld, Heraus­for­de­run­gen in der Schule oder durch die Inte­gra­tion in ein neues Umfeld. Viele der Kinder, die zu uns in die Kinder­be­glei­tung kommen, haben einen Migra­ti­ons­hin­ter­grund und erle­ben täglich, wie anspruchs­voll es sein kann, sich in einer neuen Spra­che und Kultur zurechtzufinden.

Lern­si­tua­tio­nen. Bild: zVg Arche Zürich

Tatsäch­lich ist die Nach­frage so gross, dass wir an allen Stand­or­ten sogar Warte­lis­ten führen müssen. Deshalb nehmen wir Kinder nur noch über die Schu­len auf, um sicher­zu­stel­len, dass dieje­ni­gen, die die Beglei­tung am drin­gends­ten brau­chen, auch wirk­lich zu uns finden. Dabei ist der einschrän­kende Faktor genü­gend frei­wil­lige Begleit­per­so­nen zu finden, welche bereit sind ein Kind über mehrere Jahre zu begleiten.

Welche Rolle spielt die Zusam­men­ar­beit mit Eltern und Schu­len? Wo liegen die gröss­ten Herausforderungen?

Die Zusam­men­ar­beit mit Schu­len und Eltern ist für uns sehr wich­tig, denn sie bildet den Rahmen, in dem das Kind wächst und sich entwi­ckelt. Der direkte Kontakt läuft dabei meist über unsere frei­wil­li­gen Begleit­per­so­nen, die regel­mäs­sig mit den Kindern Zeit verbrin­gen und so auch am besten spüren, was sie gerade brauchen.

Im Zentrum steht nicht die schu­li­sche Leis­tung, sondern die Bezie­hung – ein verläss­li­ches, wert­schät­zen­des Mitein­an­der, das sich an den Bedürf­nis­sen und am Wohl der Kinder orien­tiert.  Lea Ziör­jen, Betriebs­lei­te­rin Arche Kinderbegleitung

Eine unse­rer gröss­ten Heraus­for­de­run­gen ist, dass die Arche Kinder­be­glei­tung oft ledig­lich als eine Art Haus­auf­ga­ben­hilfe wahr­ge­nom­men wird. Unser Ange­bot geht aber viel weiter: Im Zentrum steht nicht die schu­li­sche Leis­tung, sondern die Bezie­hung – ein verläss­li­ches, wert­schät­zen­des Mitein­an­der, das sich an den Bedürf­nis­sen und am Wohl der Kinder orientiert.

Es geht darum, dass die Kinder Vertrauen aufbauen, gestärkt werden und erle­ben, dass jemand an sie glaubt – und das ist letzt­lich auch die Grund­lage dafür, dass sie in der Schule besser zurechtkommen.

Wo sehen Sie gesell­schaft­lich die gröss­ten Lücken in der Unter­stüt­zung von Kindern mit Mehrfachbelastungen?

Ich sehe die Schwie­rig­kei­ten vor allem dort, wo Kinder Über­gänge bewäl­ti­gen müssen – zum Beispiel beim Wech­sel von der Primar- in die Sekun­dar­stufe oder wenn es um die Berufs­wahl geht. Gerade in solchen Phasen bräuch­ten sie eine stabile, verläss­li­che Bezugs­per­son, die Zeit hat, unter­stützt und bei der eine Vertrau­ens­be­zie­hung besteht.

Eine erwach­sene Begleit­per­son, die da ist und ihnen das Gefühl gibt, gese­hen und ernst genom­men zu werden, kann in solchen Situa­tio­nen viel bewirken.

Eine erwach­sene Begleit­per­son, die da ist und ihnen das Gefühl gibt, gese­hen und ernst genom­men zu werden, kann in solchen Situa­tio­nen viel bewir­ken, Lea Ziör­jen

Wie messen oder beob­ach­ten Sie die Wirkung Ihrer Arbeit?

Wir sehen die Wirkung unse­rer Arbeit oft in den persön­li­chen Geschich­ten der Kinder. Beson­ders schön ist es, wenn wir sie über mehrere Jahre beglei­ten dürfen. Dieses Jahr hat zum Beispiel eine junge Frau die HMS abge­schlos­sen – sie war zehn Jahre lang bei uns und wurde in dieser Zeit von drei verschie­de­nen Begleit­per­so­nen unter­stützt. Jede von ihnen hat sie auf ihre Weise geprägt, und heute hat sie ihren Schul­ab­schluss in der Tasche. Das zeigt sehr eindrück­lich, was eine lang­fris­tige Beglei­tung bewir­ken kann.

Zusätz­lich haben wir dieses Jahr auch eine Befra­gung der Kinder, die zu uns in die Beglei­tung kommen durch­ge­führt. Die Rück­mel­dun­gen waren durch­wegs posi­tiv – viele haben erzählt, wie wich­tig ihnen die Zeit mit ihrer Begleit­per­son ist und wie sehr sie davon profi­tie­ren in die Arche zu kommen.

Was wünschen Sie sich von Poli­tik und Verwal­tung, um die Arche Kinder­be­glei­tung lang­fris­tig zu sichern oder gar auszubauen?

Wir werden bereits vom Sozi­al­de­par­te­ment der Stadt Zürich finan­zi­ell unter­stützt, und darüber sind wir sehr dank­bar. Natür­lich hoffen wir, dass diese Unter­stüt­zung auch lang­fris­tig bestehen bleibt.

Grund­sätz­lich wünschen wir uns, dass Ange­bot wie die Arche Kinder­be­glei­tung die nötige Aner­ken­nung und Wert­schät­zung erhal­ten. Unsere Arbeit ist im Grunde ein wich­ti­ges Präven­ti­ons­an­ge­bot – sie zeigt Kindern alter­na­tive Wege auf, stärkt ihr Selbst­ver­trauen und kann lang­fris­tig viel bewir­ken, bevor Probleme über­haupt entstehen.

Die Kinderbegleiter:innen bei der Arche Zürich arbei­ten als Frei­wil­lige. Was hat Sie persön­lich zur Arche Kinder­be­glei­tung geführt?

Mich hat vor allem die Moti­va­tion zur Arche geführt, etwas Sinn­stif­ten­des zu tun – etwas, wo man merkt, dass die Kinder von der Unter­stüt­zung profi­tie­ren. Die Kinder­be­glei­tung ist für mich eine Aufgabe, bei der man direkt spürt, dass man etwas bewegt. Es geht um Begeg­nung, um Vertrauen und darum, Kindern ein Stück mehr Chan­cen­ge­rech­tig­keit zu ermög­li­chen. Und genau das macht die Arbeit für mich so wertvoll.

Lern­si­tua­tion Bild: zVg, Arche Zürich
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