Gemeinsam etwas Grösseres umsetzen für das eigene Land war die Idee von S.D. Prinz Max von und zu Liechtenstein und Ehren-Stiftungsrätin Michèle Frey-Hilti, die an einer philanthropischen Veranstaltung zufälligerweise nebeneinander sassen. Schnell waren sie sich einig: LGT Private Banking und Hilti Family Foundation würden sich weltweit engagieren, doch verdiene auch Liechtenstein Aufmerksamkeit. Bei S.D. Prinz Max von und zu Liechtenstein entstand das Anliegen aus einer persönlichen Reflexion: Nach Jahren im Ausland sah er seine Heimat und die Veränderungen mit anderen Augen: schön, lebenswert, aber auch verletzlich. Michèle Frey-Hilti wiederum sah die Chance, die vielen bestehenden Initiativen im Land zu bündeln und so grössere Wirkung zu entfalten. Gemeinsam legten sie damit den Grundstein für die neue Stiftung «Lebenswertes Liechtenstein».
Wichtiges Zusammenspiel

Von Anfang an setzte die Stiftung auf Allianzen. 2019 gegründet, war klar: Wirkliche Veränderung gelingt nur im Zusammenspiel von Zivilgesellschaft, Wirtschaft, Wissenschaft und Politik. Neben den beiden Initiatoren S.D. Prinz Max von und zu Liechtenstein und Michèle Frey-Hilti waren von Beginn an weitere Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Gesellschaft involviert. Alle waren getragen vom Bewusstsein, dass die hohe Lebensqualität in Liechtenstein nicht selbstverständlich ist und es gemeinsame Anstrengungen braucht, um sie auch für kommende Generationen zu sichern. Veränderung braucht Zeit – und Vertrauen. Diese Einsicht habe sich für die Stiftung als entscheidend erwiesen, sagt Michael Meirer, Geschäftsführer der Stiftung.
«Wir haben gelernt, dass gelingende Allianzen nicht auf Druck entstehen. Sie müssen auf Beziehung, Dialog und echter Teilhabe basieren», sagt er. Prozesse seien selten linear, vielmehr müsse man sie iterativ denken – mit der Offenheit, Kurskorrekturen vorzunehmen, wenn nötig. Die Stiftung fokussiert sich seit Beginn auf vier Themen: Energie und Ressourcen, Ernährung und Landwirtschaft, Mobilität sowie sozialer Zusammenhalt. «Prinzipiell ist unser Anspruch, in allen vier Feldern positive Veränderungen zu bewirken, aber nicht auf Biegen und Brechen», so Meirer. «Deshalb überprüft die Stiftung die Strategie regelmässig und sie scheut sich nicht, Anpassungen vorzunehmen, sollten es die Gegebenheiten erfordern.»
Klein und eng vernetzt

Liechtenstein ist mit seinen rund 41’000 Einwohner:innen klein, eng vernetzt – und geprägt von kurzen Wegen. Viele Akteur:innen tragen mehrere Hüte und Institutionen stehen in direktem Austausch. Wie viel aus solchen Impulsen entstehen kann, zeigt das Beispiel Finance Against Slavery and Trafficking (FAST). Die internationale Initiative gegen moderne Sklaverei und Menschenhandel nahm hier in Liechtenstein ihren Anfang, wie sich Simon Tribelhorn, Geschäftsführer des Liechtensteinischen Bankenverbands, erinnert. Damals stellte man sich die Frage, wie Menschenhandel und moderne Sklaverei am besten unterbunden werden können. Die Banken spielen eine zentrale Rolle. «Immer wieder werden Finanzplätze für Geldwäsche und Verschleierung genutzt, weshalb ihnen eine besondere Verantwortung zukommt», sagt Tribelhorn. «Menschenhandel und moderne Sklaverei hinterlassen finanzielle Spuren. Durch das Erkennen dieser Spuren und Transaktionsmonitoring können Banken helfen, diese illegalen Finanzströme zu unterbinden: Kann verhindert werden, dass illegales Geld aus solchen Aktivitäten den Weg in den ordentlichen Finanzkreislauf zurückfindet, bricht das Geschäftsmodell Menschenhandel zusammen.» Momentan sei es aber noch immer ein riesiges Geschäft, so Tribelhorn, und es passiere vor unserer Haustüre, wie es uns gerade auch konkrete Fälle im Zuge des Ukraine-Kriegs deutlich machen.
Initiatives Liechtenstein
Aus dieser Einsicht heraus entschied der Bankenplatz Liechtenstein, sich aktiv an der Initiative zu beteiligen. Die LGT stieg als erste Bank mit grossem Engagement ein. Angestossen von der liechtensteinischen Botschaft in New York und der liechtensteinischen Regierung signalisierten schnell mehrere gemeinnützige Stiftungen wie die Hilti, die Medicor Foundation und die Tarom Foundation sowie eben die LGT und der Bankenverband ihre Bereitschaft, das Projekt mitzutragen. So entstand eine Public-Private Partnership (PPP) und der Grundstein für die FAST Initiative. Liechtenstein spielte damit eine Schlüsselrolle. Es gewann bald Partnerstaaten wie Australien, die Niederlande oder Norwegen. Zunächst war das Sekretariat beim UN University Centre for Policy Research angesiedelt. Im Jahr 2024 wurde die Initiative dann in die Obhut des UN-Development-Programms (UNDP) in New York übergeben, womit es eine noch grössere Verankerung gewonnen hat. Für Tribelhorn ist FAST ein Modell der Zusammenarbeit unterschiedlichster Akteur:innen: «Eine PPP ist letztlich nichts anderes als ein Abbild unserer Gesellschaft. Moderne Sklaverei und Menschenhandel gehen uns alle etwas an und so haben wir alle auch eine Verantwortung, entschieden dagegen anzugehen.»
Wo man sich kennt – aber nicht immer findet

Trotz kurzer Wege gibt es in der Liechtensteinischen Stiftungslandschaft auch Herausforderungen. Offenbar ist es gar nicht so einfach, eine geeignete gemeinnützige Stiftung zu finden. «Liechtenstein führt kein Stiftungsregister, und nicht alle Stiftungen sind mit einer Website präsent», sagt Angelica Stöckel, Geschäftsführerin der Stiftung Fürstlicher Kommerzienrat Guido Feger. «Es ist teilweise nicht einfach, an die erforderlichen Informationen über eine bestimmte Stiftung zu gelangen.» Zweckbestimmungen im Handelsregister sind sehr breit formuliert, während interne Richtlinien oder Beistatuten den Kreis der Begünstigten stark eingrenzen. Gleichzeitig liegen darin auch Chancen, so Stöckel: «Die Kleinheit des Landes sorgt für enge Vernetzung. Man kennt sich häufig persönlich – aus Schule, Ausbildung oder Vereinsleben –, was den Aufbau von Vertrauen erleichtert und Türen öffnet.» Zudem würden die Förderstiftungen vom regen Austausch innerhalb der Vereinigung liechtensteinischer gemeinnütziger Stiftungen und Trusts e.V. (VLGST) profitieren, wo sich ein tragfähiges Netzwerk zwischen den Stiftungen gebildet habe. Den Vorteil der kurzen Wege sieht auch Meirer, der auf die starken Netzwerke hinweist, die in der Schulzeit beginnen. Später im Berufsleben und in den vielen Vereinen, sei es im Sport, in der Kultur oder im NGO-Bereich, werden sie weiter verstärkt. Als einzigen Nachteil sieht er in diesem Zusammenhang, dass es durch die starke Vernetzung und das vielfältige Engagement der Bevölkerung zu Interessenskonflikten kommen könnte, was er aber gleich wieder relativiert. Er betont: «Da wir uns bei der Stiftung Lebenswertes Liechtenstein ausschliesslich in Themen mit einem breiten gesellschaftlichen Nutzen für Liechtenstein einbringen, haben wir hier sehr selten ein Problem.»
Tragfähige Allianzen
Die Liechtensteinischen Stiftungen engagieren sich ebenso im Globalen Süden. Sei es in Bereichen wie Bildung oder Gesundheit, sei es in der Ernährungssicherung. Dabei stehen auch immer wieder Kinder, Jugendliche und junge Frauen im Zentrum, deren Chancen auf ein selbstbestimmtes Leben verbessert werden sollen. Der Blick liegt auf Menschen, die sonst kaum Gehör finden. Dabei kommen partizipative, langfristige und systemische Ansätze sowie konsequente Bottom-up-Strategien zur Anwendung. Besonders prägend ist das Engagement der Stiftungen dort, wo über viele Jahre hinweg in Projektgruppen zusammengearbeitet wird. Es können tragfähige Allianzen entstehen.
Gemeinsam unterwegs
Eindrücklich zeigt sich, dass nachhaltiger sozialer Wandel nicht durch isolierte Projekte entsteht. Einzelne Förderfelder, wie berufliche Ausbildung, schulische Bildung oder Mutter-Kind-Gesundheit greifen oft zu kurz, da gesellschaftliche Prozesse eng miteinander verflochten sind. Diese Erkenntnisse veranlassen Stiftungen, vermehrt auf Förderallianzen zu setzen, die die unterschiedlichen Themenbereiche – von Technik über Gesundheit und Bildung bis hin zu sozialen Rechten – miteinander verbinden. Gemeinsam mit lokalen Organisationen, die spezifische Expertise einbringen, wird ein ganzheitlicher Wandel angestrebt.
Klein anfangen
Der gesamtheitliche Ansatz sieht vor, klein anzufangen, direkt in den Communitys. Startet man mit Projekten in den Gemeinschaften, bei den Familien, lernt man die echten Bedürfnisse kennen und entdeckt die Lücken im System. Aus diesem Grundgedanken können sich weitere Initiativen entfalten. Eine breite Beteiligung der Gemeinschaft ist dabei entscheidend: Damit ein ganzheitlicher Wandel entstehen kann, ist es wichtig, am Ende alle Beteiligten zusammenzuführen; lokale Verwaltungen sollen ebenso einbezogen werden wie die Privatwirtschaft vor Ort. Heute zeige sich, gemäss Stiftungsexpert:innen, dass übergreifende lokale Zusammenarbeit besonders wirkungsvoll sei. Derzeit bestehen die Allianzen vor allem aus NGOs, doch mittelfristig können auch Social Enterprises, Unternehmen oder neue Geschäftsmodelle miteinbezogen werden. Entscheidend sei, dass jede beteiligte Organisation ihre Stärken einbringt und nicht alles allein stemmen muss.
Unerlässliche Koordination
Zentral für das Gelingen solcher Allianzen ist eine funktionierende Koordination. Diese Rolle umfasst weit mehr als Verwaltung: Koordinator:innen halten die Fäden zusammen, bringen Ideen ein, vermitteln zwischen den Partner:innen und sorgen dafür, dass der Blick nicht nur auf einzelne Projekte, sondern auf das grössere Ganze gerichtet bleibt. Gerade in Kontexten des Globalen Südens, wo Prozesse Geduld und stetiges Nachjustieren erfordern, ist eine solche Koordination unerlässlich. Sie gibt der Allianz Richtung, fördert Offenheit und ermöglicht Wachstum, das gemeinsam getragen wird.
Ein Labor für Allianzen
Allianzen zwischen Organisationen aus verschiedenen Sektoren sind anspruchsvoll – gerade weil die Akteure wie Stiftungen, Staaten oder NGOs mit sehr unterschiedlichen Handlungslogiken arbeiten. Während staatliche Stellen den Steuerzahler:innen Rechenschaft schuldig sind, können Stiftungen innerhalb ihres Zwecks freier agieren. Entsprechend probieren sie Neues aus und gewinnen auch dann wertvolle Erkenntnisse, wenn sie nicht alle Ziele erreichen. Dieses Spannungsfeld ist herausfordernd, kann aber auch produktiv sein: Es eröffnet Freiräume für Innovation und gemeinsames Lernen.
Transparenz leben
Vertrauen ist dabei die entscheidende Währung. «Vertrauen aufzubauen braucht in erster Linie Zeit sowie regelmässige und offene Kommunikation – ähnlich wie im Privatleben auch», sagt Angelika Stöckel. «Gegen aussen ist es sicher hilfreich, Etappenziele zu setzen und Teilerfolge auf dem Weg zum Ziel zu kommunizieren.» Transparenz und Partizipation seien ebenso unverzichtbar, betont Stöckel, die Geförderten seien operativ tätig und dem Projekt am nächsten. Denn, wenn ein Projekt nicht ganz nach Plan verlaufe oder beispielsweise von Seiten Dritter Kritik am Projekt geäussert werde, sollten die Geldgeber:innen argumentieren können, fügt sie an. Die Geschäftsführerin der Stiftung Fürstlicher Kommerzienrat Guido Feger betont: «Falls es an Transparenz und Partizipation fehlt, besteht die Gefahr, dass Folgeprojekte nicht mehr unterstützt werden.»
Zukunft gestalten
Die Rahmenbedingungen für Philanthropie in Liechtenstein sind gut. Sie unterstützen auch neue und innovative Fördermodelle. «Liechtenstein hat im 20. Jahrhundert einen bemerkenswerten Weg von einer Agrargesellschaft zu einem global vernetzten Industrie- und Finanzstandort zurückgelegt. Diese Entwicklung ist unter anderem den guten gesetzlichen Grundlagen, der politischen Stabilität aber auch dem Unternehmergeist und Fleiss der Bevölkerung zu verdanken. Mit mutigen Ideen und engagierten Menschen scheint mir diese Vision von einer neuen Realität nicht mehr weit entfernt», sagt Stöckel.
Liechtenstein ist auf dem Weg, ein Modell in Sachen Allianzen zu werden: klein genug, um Neues auszuprobieren, und gleichzeitig gut vernetzt genug, um Wirkung über die eigenen Grenzen hinaus zu entfalten.


