Foto/Bild: JoachimKohler-HB CC BY-SA 4.0, Edvard Munch, gemeinfrei

«Abge­klär­tes Profi­tum führt in die Sackgasse»

Angehörige sind Teil des Versorgungssystems – das verdient Anerkennung.

Die psych­ia­tri­sche Versor­gung in der Schweiz ist am Anschlag. Und die Probleme werden nicht weni­ger – Indi­zien für die prekäre Lage gibt es zuhauf. Mitten­drin stehen die Ange­hö­ri­gen und Vertrau­ten von Menschen mit psychi­schen Erkran­kun­gen, die Tag für Tag immer wieder Wege finden, um ihren betrof­fe­nen Lieben beizu­ste­hen. Meist tun sie dies im Stil­len, isoliert – oft belas­tet durch Scham, Über­for­de­rung, Wut, Trauer und Erschöp­fung. Fernab der öffent­li­chen Wahr­neh­mung oder der Profis, die das Versor­gungs­sys­tem prägen, leis­ten sie Enor­mes. Ange­hö­rige und Vertrau­ens­per­so­nen von psychisch erkrank­ten Menschen sind in vieler­lei Hinsicht system­re­le­vant. Warum das so ist, ist einfach zu erklä­ren: Was das System nicht oder nur bruch­stück­haft zu tragen und lösen vermag, landet letzt­lich auf den Schul­tern von Vertrau­ten, Eltern, Kindern, Geschwis­tern, Part­ne­rin­nen und Part­nern, – Vertraute von Menschen mit psychi­schen Erkran­kun­gen. Sie leis­ten eine grosse, anspruchs­volle Arbeit. Ohne sie würde das System kolla­bie­ren und das Leid der Betrof­fe­nen grösser.

59 Prozent der erwach­se­nen Bevöl­ke­rung in unse­rem Land waren in ihrem Leben bereits einmal in der Rolle der Ange­hö­ri­gen oder Vertrau­ens­per­so­nen von Menschen mit psychi­schen Erkran­kun­gen. Rund die Hälfte davon, nämlich etwa 2,1 Millio­nen Menschen, befin­det sich aktu­ell gerade in dieser Rolle. Es liegt auf der Hand, fest­zu­stel­len: Ihr Beitrag ist für Betrof­fene enorm wich­tig und entlas­tet das System jähr­lich in Milli­ar­den­höhe. Kosten, die in keiner Statis­tik auftau­chen, aber durch­aus in die Statis­ti­ken rund um das Versor­gungs­sys­tem aufge­nom­men werden müss­ten. Diese Unter­stüt­zungs­ar­beit fordert ihren Tribut: Rund ein Drit­tel der Ange­hö­ri­gen erkrankt ob der Belas­tung selbst. Wenn wir uns nicht um ihre Nöte kümmern, spie­len wir «Russi­sches Roulette» mit der Gesund­heit vieler in unse­rem Land.

Als Ange­hö­ri­gen­be­we­gung Stand by You Schweiz sind wir Teil der Zivil­ge­sell­schaft. Wir gehö­ren zu jenen in unse­rem Land, die durch ihre Frei­wil­li­gen­ar­beit dafür sorgen, dass wir als Gesell­schaft zusam­men­hal­ten, gedei­hen und funk­tio­nie­ren können. Darum sei die These erlaubt: Der Druck auf die psych­ia­tri­sche Versor­gung wird in den kommen­den Jahren derart zuneh­men, dass die Profis allein (Pflege, klini­sche Psych­ia­trie, Sozi­al­ar­beit, Kosten­trä­ger, NGOs) die Krise nicht bewäl­ti­gen können. Wir sind als ganze Gesell­schaft aufge­for­dert, Lösun­gen zu finden, damit unsere Betrof­fe­nen in möglichst gros­ser Selbst­be­stim­mung und mit möglichst vielen Arten der Teil­habe am gesell­schaft­li­chen, sozia­len, kultu­rel­len und wirt­schaft­li­chen Leben durch den Alltag gehen können.

Die tatsäch­li­che Rele­vanz der Ange­hö­ri­gen und Vertrau­ten kontras­tiert mit der Erfah­rung, die viele von uns alltäg­lich machen: Wir Ange­hö­ri­gen finden uns allzu oft in einer margi­na­li­sier­ten, von den Profis vom Fach, aber auch bei NGOs gönne­risch abge­wer­te­ten Aussen­sei­ter­po­si­tion. Wir sind allzu oft Bitt­stel­ler. Dabei stehen wir voll in der Verant­wor­tung und im Regen, wenn unsere Lieben wieder einmal im Chaos versin­ken oder sich durch den Alltag kämp­fen. Wir sind «case mana­ger», ob es uns gefällt oder nicht. Deshalb möch­ten wir auch mitge­stal­ten und mehr Mittel bekom­men, damit wir unsere Frei­wil­li­gen­ar­beit für Ange­hö­rige wirkungs­voll gestal­ten können. Wir fordern deshalb mehr Aner­ken­nung derje­ni­gen, die wie wir «skin in the game» haben, also mit Haut und Haaren Teil des Versor­gungs­sys­tems sind. Mit abge­klär­tem Profi­tum allein werden wir in einer Sack­gasse landen.


Chris­tian Pfis­ter, Stand by You Schweiz

Co-Präsi­dent von Stand by You Schweiz. Der Verein will die Soli­da­ri­tät unter Ange­hö­ri­gen von Menschen mit psychi­schen Erkran­kun­gen stär­ken und die Unter­stüt­zungs­an­ge­bote erwei­tern. Chris­tian Pfis­ter blickt auf lang­jäh­rige Führungs­er­fah­rung in Unter­neh­mens­kom­mu­ni­ka­tion, stra­te­gi­schem Marke­ting und Public Affairs bei gros­sen Finanz­dienst­leis­te­rin­nen wie Swiss Life, der Winter­thur Group und Credit Suisse zurück.

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